Als sich auf dem Höhepunkt der "Langeweile in Böhmen" (so ein Romantitel von Alexandr Kliment), der "Normalisierung" nach der sowjetischen Okkupation 1968, die Charta 77 konstituierte, war der Anteil von Frauen an dieser Bürgerbewegung ungewöhnlich hoch. Gemessen an den vergangenen Jahrzehnten offizieller Politik war nicht nur die Zahl der aktiven Unterzeichnerinnen und Sprecherinnen der verfolgten Opposition auffällig und von Bedeutung, sondern vor allem die Arbeit unzähliger Frauen im Hintergrund, die unter Risiko, ohne Schutz eines prominenten Namens, die Vervielfältigung brisanter Dokumente besorgten, in mühseliger Abschrift von Tausenden und Abertausenden von Seiten, die Manuskripte in Umlauf brachten, außer Landes schmuggelten, Kinder, eig ene und von inhaftierten Freunden, hüteten, den Lebensunterhalt sicherten, meist in untergeordneten, schlechtbezahlten Positionen, den Männern Mut machten.

Eine von ihnen, die Soziologin Jirina Siklová, arbeitete eine Zeitlang als Putzfrau - selten wies ein Beruf höheres Bildungsniveau auf als der von Putzfrauen, Tellerwäschern, Serviererinnen und Fensterputzern in der Tschechoslowakei der siebziger und achtziger Jahre, in bester Tradition und Erinnerung an die fünfziger Jahre, als sich die Elite des Landes in Urangruben befand. Wegen Schmuggelns von Manuskripten ins Ausland - das Dokumentationszentrum der tschechoslowakischen Exilliteratur in Scheinfeld, Franken, verdankt ihr viele seiner Samisdatausgaben und Manuskripte - wurde Jirina Siklová verhaftet und kam für mehrere Monate ins Gefängnis. "Was hier schön ist", überschrieb sie das erste Kapitel ihrer Notizen aus dieser Zeit. Es war vor allem die Solidarität unter den Frauen, aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem geistigem Horizont, die meisten sogenannte Kriminelle. Zu dritt in einer Zelle, alle intime Hygiene spielt sich auf engstem Raum ab. ("Ich hatte mir immer gewünscht, nicht zu stinken", bemerkt sie.) Im Gefängnis hat sie den Sinn des Tätowierens begriffen: "Sich unterscheiden zu wollen, gegen die Disziplin aufzubegehren. Das alles trägt zum Erhalt der eigenen Identität bei."

Nach der Revolution 1989 hat sie ihren Beruf wiederaufgenommen. Ihre Texte gehören zu den besten, die es in der tschechischen Soziologie gegenwärtig gibt, ihre Studie "Die graue Zone und die Zukunft des Dissidententums in der Tschechoslawakei", 1989 verfaßt, sieht die wesentlichen Probleme, mit denen eine posttotalitäre Gesellschaft erst konfrontiert werden sollte, voraus. (Die Parallele zur früheren DDR etwa, mit ihrer eigenen "grauen Zone", das heißt den Bürgern, die mit innerem Widerwillen mitmachten, sich auch fördern ließen, ohne dabei ein Risiko auf sich zu nehmen, bleibt aktuell.) In einem Zimmer ihrer Wohnung gründet sie ein Zentrum für gender studies, das mittlerweile im Ausland mehr Beachtung findet als in Prag; "Frauenforschung" ist dort immer noch kein Begriff im Universitätsbetrieb. Nach der Teilung gilt ihr Engagement dem Zusammenhalt tschechischer und slowakischer Intellektueller; sie ist aktiv im gemeinsamen "geistigen Parlament" und beteiligt sich an der Gestaltung der ersten feministischen Zeitschrift in der Slowakei Aspekt.

Was bei Jirina Siklová und den anderen Frauen der Charta auffällt, ist die radikale Ablehnung einer Etikettierung als Märtyrerinnen oder Heldinnen; sie sind sachlich, unsentimental, ohne Larmoyanz. Nach Siklovás Beobachtung fiel es den Männern schwerer als den Frauen, in der Anonymität, ohne öffentliche Anerkennung zu arbeiten. ("Sie waren vor allem daran interessiert, daß ihr Artikel erscheint, für mich war wichtig, den Weg dazu zu bereiten", sagt sie.) Die Frauen haben die Jahre des sozialen Abstiegs, von Schikanen, Verhören, Inhaftierung mit Noblesse und Stolz ertragen. Sogar die untergeordnete Position innerhalb der Hierarchie der Dissidenten; die gemeinsame Sache war für sie von Bedeutung, nicht eine nachträgliche Verwertung ihrer Leistungen auf dem Markt. Der Rückzug der Frauen aus der Politik nach den ersten Monaten der neuen Ära ist symptomatisch und sagt mehr über die Lage aus als öffentliche Proklamationen.

Die Diskrepanz zwischen den Leistungen der Frauen und ihrer sozialen Position spiegelt sich in der Sprache. Für eine Reihe von Berufen gibt es im Tschechischen keine weiblichen Bezeichnungen (das Wort "Politikerin" klingt unerträglich lächerlich - ein Pasquill), obwohl Frauen auf diesen Gebieten oft mehr Mut und Kompetenz bewiesen haben als Männer.

Als einzige Frau ist die sozialistische Abgeordnete Dr. Milada Horáková während der Schauprozesse in Prag wegen "Hochverrats" zum Tode verurteilt worden, weil sie es abgelehnt hatte, für die Kommunisten zu kandidieren. Trotz weltweiter Proteste, unter anderen von Albert Einstein, wurde die Hinrichtung am 27. Juni 1950 vollzogen. Die Henker ließen sie zusehen, wie ihre drei Freunde vor ihr erhängt wurden. Die meisten nichtkommunistischen Politiker gaben früher oder später dem Druck der neuen Machthaber nach. Milada Horáková gehört zu den wenigen, die sich dem Terror widersetzt hatten und ihren zivilen Mut mit dem Leben bezahlten.

Das gleiche gilt für ihre Vorgängerin und Kollegin, die Senatorin Frantiska F. Plaminková, die 1942 von den Deutschen erschossen wurde. Plaminková hatte sich seit dem Beginn des Jahrhunderts für die Rechte der Frauen engagiert; 1912 gelang es ihr mit anderen, die Wahl der ersten Frau in den österreichisch-ungarischen Reichstag, der tschechischen Schriftstellerin Bozena Viková-Kunetická, durchzusetzen. Erst 1919, in der Republik, konnte sie die Abschaffung des Berufsverbots für verheiratete Frauen erreichen. Als Senatorin schrieb sie einen offenen Protestbrief an Hitler, zu einer Zeit, als sich die Großmächte mit dem faschistischen Regime in Deutschland zu arrangieren begonnen hatten. Vor ihrer Hinrichtung traf sie im Konzentrationslager ihre Mitarbeiterin aus dem Nationalen Frauenrat, Milada Horáková, die dort bereits seit zwei Jahren interniert war. Tschechische Frauen.