Als 1955 der einmillionste Käfer vergoldet vom Band rollte, war Heinrich Nordhoff auf dem Gipfel seines Ruhmes. Der VW-Generaldirektor erhielt das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik und wurde zum Ehrenbürger der Stadt Wolfsburg ernannt. Daß Nordhoff allerdings seine großartige Karriere nicht zuletzt den Nationalsozialisten verdankte, wurde bei all den Ehrungen meist pietätvoll unterschlagen. Wen interessierte es schon, daß Nordhoff in den letzten Kriegsjahren die wichtigste deutsche Lastwagenfabrik, das Opel-Werk in Brandenburg, geleitet hatte? Daß er seine Managerqualitäten unter Beweis stellte, indem er die Fertigung von Halbkettenfahrzeugen und kriegstauglichen "Blitz"-Lastwagen gewaltig ankurbelte?

Als NS-Industrieführer wurde Nordhoff zwar 1945 vom amerikanischen Mutterkonzern General Motors entlassen. Drei Jahre später schon übernahm er von der britischen Militärführung jedoch die Gesamtleitung des Volkswagenwerks. Und seinen Erfolg mit dem Käfer verdankte Nordhoff ausgerechnet jenem Auto, das die Nazis zur "Motorisierung der Volksgemeinschaft" vorgesehen hatten.

Ein Ausnahmefall? Oder vielmehr ein typisch deutscher Werdegang? Nordhoffs Biographie ist eine von "acht Karrieren zwischen 1940 und 1950", die das Berliner Museum für Verkehr und Technik derzeit seinen Besuchern präsentiert. Unter dem exemplarischen Motto "Ich diente nur der Technik" soll hier ein Stück deutsche Technikvergangenheit aufgearbeitet werden. Ausstellungskoordinator Alfred Gottwaldt hofft damit gar auf "eine Art Zündungsfunktion". Denn noch immer tun sich Naturwissenschaftler und Ingenieure schwer mit der Geschichte ihrer Fachgebiete im Dritten Reich.

Zwar wurde der Atombombenbau der amerikanischen Physiker (und der gescheiterte Versuch ihrer deutschen Kollegen) zum Paradebeispiel für das Spannungsfeld zwischen Moral und Wissenschaft. Doch die "ganz normale" Arbeit von Forschern und Technikern im Dritten Reich und ihre nahezu bruchlose Fortsetzung in der Nachkriegsära fand wenig Beachtung. Dem Verein Deutscher Ingenieure erscheint das Thema offenbar immer noch so brisant, daß er es auf seiner Jahrestagung 1995 mit dem verharmlosenden Titel "Technische Innovationen in Krisenzeiten" umschrieb. Und das Deutsche Museum in München, so rügt der Berliner Gottwaldt, präsentiere zwar die Meisterwerke der Technik, habe aber bis heute eine eigene Ausstellung über die Nazivergangenheit nicht zuwege gebracht.

"Wir zeigen hier keine Meisterwerke", stellt Gottwaldt klar. Statt dessen bekommt der Besucher in Berlin etwa das verrostete Triebwerk einer V2-Fernrakete zu sehen, die Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde entwickelte. Daneben symbolisieren hölzerne Häftlingsschuhe die Mühsal und das Leiden der KZ-Insassen, die diese deutsche "Wunderwaffe" zusammenschrauben mußten. Weniger bekannt als von Braun, der später als Vater des amerikanischen Weltraumprogrammes zu Ehren kam, dürfte dagegen der Chemiker Paul Schlack sein, der 1938 das Perlon erfand. In Kriegszeiten wurde diese wichtige Erfindung hauptsächlich zu Militärmaterial wie Fallschirmseide, Gurten, Seilen oder Förderbändern verarbeitet. 1944 bekam Schlack sogar das Kriegsverdienstkreuz erster Klasse verliehen. Nach 1945 wurden dagegen aus Perlon friedliche Dinge wie Socken oder Damenstrümpfe hergestellt, und Schlack erhielt den bundesdeutschen Verdienstorden.

Unter solchen Schlaglichtern werde deutlich, heißt es im Ausstellungs-Begleitband, daß die Forscher und Techniker im Nationalsozialismus nicht etwa "außerordentlich böse oder unvergleichlich gewissenlos gewesen wären", sondern gerade "ein so erschreckend normales Gewissen hatten, über die normalen überkommenen Maßstäbe verfügten und die gleichen unehrlichen Ausreden gebrauchten wie ihre Vorgänger und Zeitgenossen". Alfred Gottwaldt bringt es auf den Punkt: "Die Ingenieure haben sich die moralische Frage gar nicht gestellt, sondern waren einfach fleißig und haben gewurstelt." Damit sicherten sie an der "Heimatfront" das furchtbare Funktionieren der Nazi-Terrormaschine und legten später den Grundstock für das deutsche Wirtschaftswunder.

Es ist ein ehrenvolles Unterfangen des Berliner Museums, im 50. Jubiläumsjahr des Kriegsendes an diese Vergangenheit zu erinnern. Mit einzelnen Biographien ist es auch durchaus gelungen, die angestrebte Botschaft von der technikgeschichtlichen Kontinuität zu verdeutlichen. Doch insgesamt wirkt die ganze Ausstellung - leider - recht enttäuschend. Vieles erscheint da zufällig. So müssen sich etwa die "acht Karrieren" in der großen Haupthalle den Platz mit ständigen Ausstellungsstücken teilen. Dem Besucher wird dabei oft nicht einmal deutlich, wo die Grenze zwischen Sonderausstellung und permanenter Technikschau verläuft. Auch die Auswahl der Themen und Biographien ist reichlich verwirrend. Was hat beispielsweise der Großadmiral Dönitz zwischen den Technikern zu suchen? Und die kritische Rolle der deutschen Eisenbahn, illustriert anhand eines zentnerschweren "Leichtradsatzes von 1934" und einer Bronzebüste von Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller, wird ebenfalls nicht so recht verständlich.