BERLIN. - Der 8. Mai ist vorbei, aber was machen wir nun? Aufatmen, daß wir ihn ganz gut geschafft haben, diesen schwierigen Gedenktag? Ein wenig stolz sein im Bewußtsein freudig erfüllter Pflicht? Auch die Erfahrung beachten, die lehrt, daß man des Guten nicht zuviel tun darf, also erst einmal schweigen von KZ und Befreiung, von Kriegsschicksalen und Vertreibung, von deutscher Schuld und dem Umgang damit?

Sicher erscheint, daß wir es wirklich ganz gut gemacht haben. Die Pannen und Peinlichkeiten hielten sich in Grenzen, das leere Gerede blieb noch im Rahmen des Erträglichen, und die meisten Klippen, an denen dieses Datum reich war, wurden leidlich umschifft.

Das Gedenken an die verwüsteten deutschen Städte führte nicht zur Beschränkung auf deutsches Selbstmitleid, denn an die Befreiung der Konzentrationslager wurde ebenso ausführlich erinnert. Die Rechtsausleger um Alfred Dregger bekamen so viel Contra, daß man fast dankbar war, daß sie sich zu Wort gemeldet hatten - so entstand wenigstens eine Diskussion, und es wurde klar, was die herrschende Meinung ist und sein soll.

Bedenklicher erscheinen schon die ewigen Harmonisierer, die uns ausgiebig darlegten, wie schön doch alles seit dem schlimmen 1945 geworden sei, mit fünfzig Jahren Frieden und mit Europa. Dabei ging fast verloren, daß der 8. Mai das Gegenteil symbolisiert: Beinahe ganz Europa wurde - buchstäblich - verheert, weil die Deutschen nicht Frieden hielten. Die Ablenkung von der bösen Zeit vor dem Ende Hitlers auf die gute Zeit danach entspricht aller schlechter Gewohnheit der Bundesrepublik.

Aber dagegen stand die vorzügliche Arbeit vieler Organisatoren, Redakteure, Redner und Autoren. Sie brachten, was vor fünfzig Jahren geschah, zur Erinnerung für die Alten, zur Anschauung für die Jüngeren und gaben Anlaß zum Nachdenken für alle. Der 8. Mai 1995 war eine Herausforderung - sie wurde weit besser bestanden, als wir nach den Erfahrungen früherer Gedenkjahre erwarten konnten.

Sicher erscheint aber auch, daß es ein bißchen zuviel des Guten gab. Der historische Tag hätte keinen Schaden erlitten, wenn wir uns beschränkt hätten. Doch wir übertreiben immer alles. Politische Rivalität, journalistische Konkurrenz, allgemeine Betriebsamkeit und eine Heidenangst, irgendwo einmal nicht dabeizusein, treiben uns regelmäßig ins Übermaß.

Ob es um Literatur, Geschichte, Musik oder Film geht - wir reden, schreiben, funken, flimmern und feiern alles zu Tode. Die Überfülle schafft Überdruß: Anschließend will für längere Zeit niemand mehr etwas davon hören. Wichtiger als der Streit über Befreiung oder Niederlage ist es zu überlegen, wie wir all das, wofür der 8. Mai steht, vor dem Exitus durch Überfütterung retten.