Die Organisation hat Macht, das ist unbestritten. Kaum eine andere internationale Institution konnte die Wirtschaftspolitik der Dritten Welt in den vergangenen Jahrzehnten so beeinflußen wie die Weltbank. Ihre Kredite ermöglichen Regierungsprogramme, ihr grünes Licht lockt Kapitalanleger und sorgt für Darlehen von privaten Banken. Signalisieren die Manager der Weltbank rot, sind einem Staat fortan die meisten internationalen Geldtöpfe verwehrt.

Doch warum ist die Bank so mächtig? Mit dem jüngst erschienenen Buch des transnational institute, das sich der intellektuellen Unterstützung von Dritte-Welt-Gruppen verschrieben hat, versuchen Susan George und Fabrizio Sabelli diese Frage zu beantworten. Das Fazit der langjährigen Dritte-Welt-Experten klingt zumindest originell: "Das Konzept von der Entwicklung hat in unserer Gesellschaft religiöse und doktrinäre Bedeutung erhalten. Die Weltbank ist als Vatikan, als Mekka oder als Kreml dieser Religion des 20. Jahrhunderts anerkannt."

Die Bank habe es - ebenso wie die katholische Kirche im Mittelalter - geschafft, ihre Sicht der Realität als einzig richtige durchzusetzen. Ermöglicht werde dies nicht zuletzt dadurch, daß im Norden angesichts der weltweiten Armut vor allem Ratlosigkeit herrsche. Dieses Vakuum fülle die Bank mit dem Versprechen von Entwicklung und zelebriere ihre neoliberalen Strategien folglich auch wie die Riten einer Religion - egal ob sie wirken oder nicht. "Die Bank funktioniert in weiten Teilen wie die Kirche, genaugenommen wie die Kirche im Mittelalter. Sie hat eine eigene Doktrin, eine rigide strukturierte Hierarchie, die diese Doktrin predigt und umsetzt, sowie eine quasireligiöse Art, sich zu rechtfertigen."

So amüsant diese These zunächst erscheint, so sehr ermüdet sie bei längerer Lektüre. Daß der Neoliberalismus mit seinem Menschenbild vom Homo oeconomicus manchem als Glaubensgebäude des 20. Jahrhunderts dient und daß diese Spezies von Gläubigen in der Weltbank besonders stark vertreten sind, mag ja stimmen. Dennoch vereinfacht diese Analogie die Realität doch zu stark, wenn sie denn als Leitfaden eines Buches über eine Institution dient.

Daß das Buch mit dem programmatischen Titel "Kredit und Dogma" trotz dieses Defizits eine spannende Lektüre bietet, hat zwei Gründe: Die Autoren, die zu den profiliertesten Kritikern der Weltbank gehören, recherchieren nicht nur gut, ihre Ergebnisse sind auch noch amüsant aufbereitet: Bei der Beschreibung der Bankgeschichte, des heute noch wirkenden Einflusses des wichtigsten ehemaligen Präsidenten Robert McNamara, der internen Entscheidungsstrukturen und der Philosophie der Institution helfen v iele Fakten und Anekdoten. So wird detailliert beschrieben, wie die Politik der Strukturanpassung entstand und wie heute darüber entschieden wird, ob ein Land Kredite bekommt. Daß in der Bank mit dem eigenen Kontrollgremium, dem Rat der Exekutivdirektoren, gern nach dem Pilzprinzip: "Füttere sie mit Mist, und halte sie im Dunkeln" umgegangen wird, ist nur eine der vielen kleinen Geschichten aus dem inneren Machtzirkel.

Interessant ist die Beurteilung der wissenschaftlichen Rolle der Weltbank. Immerhin wirkt die Institution, die Hunderte von Wissenschaftlern mit der Suche nach Wachstumsstrategien beschäftigt, als eine der größten Promotoren der Entwicklungstheorie. Den "intellektuell-finanziellen Komplex" nennen das die Autoren und belegen, daß die Bank trotz ihrer Wissensvormacht die Schuldenkrise lange falsch beurteilt hat, Rohstoffpreise falsch prophezeite und Studien erst gar nicht in Auftrag gegeben hat, die mögliche Probleme ihrer Strategien nachweisen könnten - beispielsweise der Exportorientierung.

Das Buch ist einseitig, stellenweise polemisch, hin und wieder platt. Mit Sicherheit ist es aber das faktenreichste und spannendste, das seit langem über die Weltbank publiziert worden ist.