Der Mann hat sich wacker geschlagen. Der Mann hat die Pause verdient. Das Wildschwein in den Schnee gejagt, die Hirschkuh lebend eingefangen, den Leu mit bloßer Hand erwürgt. Herakles ist ziemlich geschafft. Schwer lastet das Heldengewicht auf der rechten Beinsäule. Und wär` da nicht ein Baumstumpf, der dem strapazierten Leib hilfreich unter die Schulter griffe, das schöne Muskelganze sänke augenblicklich in die Knie. Mensch? Übermensch? Gott? Da ist er vom Westrand des Himmelgewölbes bis zum Hades an die Südspitze des Peloponnes gezogen, hat auf dem langen Weg goldene Äpfel gestohlen, den Amazonen den Gürtel geraubt, den Augiasstall ausgemistet und ist über alldem unsterblich und zuletzt nur hundemüde geworden.

Müdigkeit - nicht gerade Ausdruck solider Zukunftsgewißheit. Müde ist immer danach. Wer müde ist, hat die Entscheidungen, das Entscheidende vielleicht schon hinter sich. Wenn der Homo erectus triumphans aus dem einstudierten Gleichgewicht gerät, wenn er in der Hüfte einknickt und dringend der Stütze bedarf, wenn die gestörte Balance von Stand- und Spielbein gestörte Souveränität anzeigt, dann ist die Geschichte des Individuums womöglich einen schönen Schritt weiter. Die müden Heroen sind die unsympathischsten nicht.

Als Pausanias irgendwann in der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts Griechenland bereiste, hat er auch den müden Herakles gesehen. Ein paar Kilometer nordwestlich von Korinth. Auf der Agora von Sikyon, der Geburtsstadt des Bildhauers Lysippos, der fünfhundert Jahre zuvor den bronzenen Müdigkeitskoloß geschaffen hatte. Einen Erfolgstyp sondergleichen. Die Überlieferung bezeugt verschiedene Varianten. So soll eine mobile Version als Tafelaufsatz zum Hausrat des großen Alexander gehört und eine monumentale die Akropolis von Tarent überragt haben. Von dort werden wahrhaft erschreckende Dimensionen berichtet. Der Tatmensch, ein Bild des Erbarmens, den gewaltigen Schädel auf die rechte Hand gestützt, an der allein der Daumen soviel gemessen habe wie die Bundweite des Tarentiners. Es muß ein imposantes logistisches Unternehmen gewesen sein, das den kraftlosen Giganten als Kriegsbeute aus der Magna Graecia nach Rom geschleppt hat. Später ist er noch in Konstantinopel gesehen worden. Anfang des 13. Jahrhunderts hätten ihn die Latiner eingeschmolzen.

Aber kein noch so roher Gewaltverlust hat die herakläischen Spuren wirklich tilgen können. Tief haben sich die lysippischen Muster der populären Ikonographie eingeprägt. Schon auf Münzen vom Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts zeigt sich der illegitime Zeusabkömmling in Ruhestellung. Und eine stattliche Galerie von römischen Mamorkopien belegt die fortlebende Attraktivität der Figur. Je nach kaiserzeitlichem Geschmack ist dabei die Fleisch- und Knochenfülle sparsamer oder üppiger ausgefallen. Der sogenannte Herakles Farnese aus der Antoninischen Zeit bringt es vom Haupthaarwirbel bis zur großen Zehe auf drei bodygebuildete Meter. Und sein massiger linker Arm hängt so schlaff über dem Knüttel wie die leib- und leblose Löwenhaut. Viel Körper und wenig Kopf. Der müde Herakles und die leibhaftige Erkenntnis, daß der Lohn aller Weltbemächtigung, aller Weltbeherrschung doch nur unabdingbarer Verschleiß sein wird. Ist es die begütigende Erfahrung, daß auch der Schöpfergott seinen Ruhetag braucht, die den lysippisch-farnesisch-schwarzeneggerischen Typus so volkstümlich hat werden lassen? Lysipp - ein altes, geheimnisvolles Wort für die subjektphilosophische Überanstrengung des Menschen?

Damals in der Unterprima hatte Oberstudiendirektor W. den ästhetischen Sprung vom griechischen fünften ins griechische vierte Jahrhundert als Einkehr der Stille gepriesen. Die Helden, Kämpfer und Athleten hätten nun die Arenen verlassen und nähmen demutsvoll ihre Orden und Ehrenzeichen entgegen. Wie schon der feinsinnige Ernst Buschor geschrieben habe: "Jede Drastik gelöscht im Ewigkeitsgehalt einer überzeitlichen Seinswelt." Das klang nach schwerer transzendentaler Überrumpelung, und es wurde uns etwas feucht in den Nyltesthemden. Eigentlich sah er ja so irdisch schlaff aus, der Herakles. Aber es wird, schon seine Bewandtnis haben mit dem Sein und der Ewigkeit.

Jetzt, nachdem die Unterprima nicht mehr Unterprima heißt und unser humanistischer Notvorrat samt den angegilbten Nyltesthemden im Wirklichkeitsgehalt einer computerzeitlichen Universalwelt verschwunden ist, jetzt gibt es die Lysipp-Ausstellung. Die erste, die einzige, die endgültige. Im römischen Palazzo delle Esposizioni an der Via Nazionale, wo der Verkehr so undurchdringlich ist, daß einer nur mit Polizistenhilfe die Straße überqueren kann. Dort stehen oder lehnen sie nun, der müde Herakles und die kleineren und größeren herakläischen Verwandten, die alle nicht von Lysipp sind, aber alle irgend etwas mit Lysipp zu tun haben sollen.

Es ging ihm nicht anders als den meisten Bildhauern der griechischen Antike. Kein originales Werk hat sich erhalten. Was die Bilderstürmer verschont, weil übersehen haben, ist dem Erzbedarf kunstvergessener Nachgeborener zum Opfer gefallen. Lysipp muß zwischen - vielleicht - 370 und 300 vor Christus nicht nur titanische Güsse aufgestellt, er muß auch eine ungemein produktive Gießerei unterhalten haben. Der ältere Plinius erzählt in seiner "Naturalis historia" vom glücklichen Erben, der nach dem Tod des Bildhauers die Barmittel nachrechnen durfte. Von jedem Honorar soll der haushälterische Künstler einen Golddenar zurückgelegt haben, was per saldo einen Werkumfang von 1500 Stück ergeben habe. Nichts ist geblieben. Kein Klümpchen Lysippischer Bronze. Alles, was wir von Lysipp wissen, ist Nachrede, Nachbildung, Nachruhm.