Man kann den Essayband des in Essen und Tel Aviv lehrenden Historikers Dan Diner als Hintergrundlektüre zum Streit um den 8. Mai lesen. Das kollektive Gedächtnis der Deutschen läßt keine eindeutige Formeln für das Kriegsende zu. Weder die Erinnerung an eine Befreiung noch die einer Niederlage oder neuerlicher Bedrückungen vermögen der Erfahrungsvielfalt jenes Datums ganz gerecht zu werden. Jedes dieser Erinnerungspartikel heftet sich an bestimmte Gruppen. Allzu rasch, könnte man mit Diner folgern, gewinnt die formelhafte Rede von der Befreiung der Deutschen "kontraphobische" Akzente. Damit meint Diner eine psychische Reaktionsbildung auf die NS-Erfahrung, die die eigene Positionsbestimmung als das strikte Gegenteil behauptet, ohne Differenzierungen und Ambivalenzen mehr zulassen zu können. "Doch eine solche alternativlose Entgegensetzung lockt das Bewußtsein in eine Falle, die wiederum zu einer polarisierenden Engführung des Politischen führt." Die Befreiungsfalle wäre dann etwa die Verleugnung der grundlegenden Tatsache, daß die Deutschen bis zum Ende Krieg führten und zur Selbstbefreiung nicht in der Lage waren.

Unsere Gegenwartsdeutungen, schreibt Diner, sind von vergangenen Erfahrungen geprägt, die ihnen Bilder, Metaphern und Muster liefern. Daraus entsteht für den Autor ein grundsätzliches Dilemma. Zwar wiederholt sich nicht "die" Geschichte, aber indem sich die zur Deutung herangezogenen, ja sich gleichsam hinterrücks einstellenden Bebilderungen wiederholen, bleibt gegenwärtiges Handeln in psychohistorischen Zwängen gefangen. Wieder liefert ihm Deutschland das Beispiel. Auch wenn sich das Kollektiv der Deutschen der NS-Vergangenheit erinnert, schreibt Diner, vollzieht es in der Unterscheidung von Trauerkollektiv ("Tätergesellschaft") und Opfern jene ausgrenzende Gegenüberstellung nach, die in ihrer völkisch-ethnischen Gestalt seit jeher das deutsche Nationalverständnis grundierte. Die Geburtsnation reproduziert sich im Gedenkakt.

Ein unauflösliches Dilemma? Auswege sieht Diner nur in der Verknüpfung von Gedächtnis mit Institutionen, einem "Patriotismus der Institutionen", der aus ethnischen Deutschen deutsche Bürger einer Willensnation macht. "Nicht die Verbesserung des Fremden wäre mithin verlangt, sondern die Verwandlung des eigenen Gedächtnisses." Was das erinnerungspolitisch bedeuten könnte, bleibt offen.

Hier wie in anderen Punkten ist Diner skeptisch, ob die deutsche "Kehre zum Nationalen" das zuläßt. Seine Zweifel sind freilich grundsätzlicher Natur. Denn das, was erinnert werden müßte, der mit dem Signum "Auschwitz" bezeichnete Komplex der NS-Verbrechen, besitzt keine Erzählstruktur. Die Massenvernichtung der europäischen Juden hat "eine Statistik, kein Narrativ". Von den Opfern wird sie mit Metaphern vorgängiger Nationalitätenkonflikte Osteuropas bebildert, von den Tätern "kontraphobisch" verfremdet. Erinnerung bewegt sich nicht allein in Kreisläufen, sie bleibt für Diner in Zwickmühlen gefangen. Es gibt kein Rezept, nur die Aufforderung, die Genese historischer Deutungen und erinnerungspolitischer Inszenierungen auf ihren Subtext zu befragen. Für den 8. Mai wäre damit künftig schon viel gewonnen.

Dan Diner: Kreisläufe Nationalsozialismus und Gedächtnis; Berlin Verlag, Berlin 1995; 144 S., 20,- DM