Käme ein Wesen von einem anderen Stern und fragte, was denn das sei: Europa, die europäische Kultur, der europäische Charakter, welchen Denker oder Dichter es dazu studieren solle - wen müßte man ihm nennen? Was aus der Antike? Unerläßlich! Die griechischen Dramatiker und Philosophen, Wiege des Abendlandes. Anschließend die christlichen Mystiker, vielleicht noch Parzival, das Nibelungenlied. Dann Dante und Cervantes und Montaigne, Erasmus. Shakespeare! Dann die französischen Moralisten und Aufklärer. Hume und Kant. Schopenhauer, Kierkegaard natürlich, die russischen Erzähler. Und Flaubert. Dann -

Ja, ja, sicher, sicher, gewiß doch, gewiß.

Aber vor allem: Boswell. Boswell. Und, um noch dies hinzuzufügen: immer wieder Boswell.

Boswell war der Mann, der Europa ist. Beziehungsweise wenn es überhaupt so etwas gibt wie Europa, dann war es James Boswell, der Schotte, 1740 in Edinburgh geboren und gestorben 1795 in London, am 19. Mai, also vor genau 200 Jahren; wir erheben uns von den Stühlen!

Danke.

Also, wer war Boswell? Ein braver Anwalt, der in seiner Jugend gerne Lyriker oder General oder Katholik oder Theaterkritiker geworden wäre. Eine Schwatztüte. Aber luchsäugig und immer auf der Lauer. Und vor allem der berühmte Biograph des berühmten Doktor Samuel Johnson, den hierzulande niemand kennt, der aber für den englischsprachigen Weltkreis so eine Art Jacob und Wilhelm Grimm in einer Person ist, da er wie diese ein bedeutendes Wörterbuch verfaßt hat und außerdem, im Gegensatz zu den hageren teutschen Märchenbrüdern, ein ulkiger, dicker, bösartiger, scharfsinniger Riesenkauz war, der übrigens die bizarre Angewohnheit hatte . . . doch halt, nicht Johnson - Boswell, Boswell!

Es ist nur weil Boswell den Doktor Johnson in London so wundervoll beschrieben hat, daß wir glauben, wenn wir die Biographie lesen, mit ihnen am Kamin zu sitzen, das heißt mit beiden, mit J. und B. und wer gerade sonst noch da ist und im Tee rührt, Oliver Goldsmith vielleicht oder der Schauspieler Garrick, den Lichtenberg so pries, und gar nicht mehr so genau wissen, wo Boswell aufhört und Johnson anfängt, der ja vielleicht doch nur eine Erfindung des Schotten ist . . . Er liebte London so und mußte zurück nach Edinburgh, weil er als schottischer Anwalt nur in Schottland praktizieren konnte. Dort liegt er auch begraben, auf dem Gütchen Auchinleck, dem Stammsitz seiner Ahnen.