Am 20. Mai 1945, es ist der Pfingstsonntag, zieht der Ausrufer Otto Mecklenburg durch die Straßen der Gemeinde Haren an der Ems. Er verkündet: "Auf Anordnung der Militärregierung ist der Ort von der Zivilbevölkerung zu räumen."

Auch im Harener Dom wird der Räumungsbefehl verlesen. Darin heißt es: "Die Möbel und der gesamte Hausstand sind zurückzulassen", einschließlich "der nötigen Anzahl Eßbestecke". Bis zum 23. Mai, so die Anordnung, sei Platz für 5000 Menschen zu schaffen.

Zwei Wochen nach Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt eine Episode, die in der Chronik der Emslandgemeinde Haren als die "Polenzeit" bezeichnet wird.

Am 12. April 1945 hatten alliierte Truppen das Emsland erreicht. Anwohner berichteten den Soldaten, daß im Kriegsgefangenenlager Oberlangen junge polnische Frauen eingesperrt seien. Eine kleine Einheit machte sich auf den Weg. "Plötzlich brach ein Panzer durch das Tor", erzählt Anna Lehr-Splawinska, die damals als Siebzehnjährige im Oberlangener Stalag VI c als Kriegsgefangene saß. "Wir dachten, es seien die Alliierten. Dann sahen wir polnische Schulterstücke an den Uniformen. Mein Gott, wir konnten es nicht fassen. Wie konnten die Polen in den Westen kommen?"

Reguläre polnische Truppen befreiten 1723 Polinnen aus der Kriegsgefangenschaft im Emsland. Die Frauen, meist im Alter zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren, hatten als Melderinnen der "Landesarmee" im Warschauer Aufstand gekämpft. Nach dessen Niederschlagung im Oktober 1944 waren sie in eines der berüchtigten Lager des Emslandes verschleppt worden.

Ihre Befreier, die Soldaten der 1. Polnischen Panzerdivision, hatten schon seit der Invasion in der Normandie im Juli 1944 mit den Briten und Kanadiern gegen die Deutschen gekämpft. Sie unterstanden dem Oberkommando des britischen Generalfeldmarschalls Montgomery.

Am 4. Mai 1945 wurde in Lüneburg die Teilkapitulation Norddeutschlands unterzeichnet. Das Emsland wurde der polnischen Division als Besatzungsgebiet zugewiesen. Freilich sollten die Polen nur Besatzungsmacht zweiter Klasse werden, denn für politische Entscheidungen und Verwaltungsangelegenheiten lag die Zuständigkeit weiterhin bei den Briten.