Bereits seine Ausmaße regen zur Mythenbildung an: Täglich werden weltweit mehr als eine Billion Dollar am Devisenmarkt gehandelt. Das sind weit mehr Währungsgeschäfte, als für den grenzüberschreitenden Austausch von Gütern und Dienstleistungen benötigt werden. Der tägliche Umfang der realen Im- und Exportgeschäfte dürfte sich lediglich auf gut zehn Milliarden Dollar belaufen. Dies zeigt, daß sich die Märkte, jedenfalls was die Volumina betrifft, offenbar vom Basisgeschäft abgekoppelt haben.

Das von dem großen Ökonomen John Maynard Keynes geprägte Bild vom mit Spekulanten bevölkerten Kasino drängt sich auf. Dabei geht es hier um den Wechselkurs - neben dem Lohn der wichtigste nationale Preis. Er hat einen unmittelbaren Einfluß auf die Bewertung der international gehandelten Güter und Vermögenswerte. Dennoch sollten die hohen Umsätze an den Devisenmärkten nicht zu voreiligen Schlußfolgerungen führen. Sie sind unter anderem eine Folge spezieller Eigenarten des Devisenhandels, die einen direkten Vergleich mit Handelsumsätzen bei wirklichen Gütern sehr fragwürdig erscheinen lassen. Überdies übernimmt die Spekulation am Devisenmarkt die ökonomisch wichtige Funktion, eine möglichst zutreffende Zukunftseinschätzung zu leisten. Nur dadurch kann denjenigen, die sich absichern wollen, eine liquider Markt geboten werden.

Dennoch scheinen die Wechselkurse die Veränderungen der wirtschaftlichen Grunddaten - etwa der Haushalts- und Geldpolitik - nur sehr unzureichend widerzuspiegeln. Jedenfalls bekunden die Notenbanken diese Meinung bisweilen. So etwa die Bundesbank, als sie per Pressemitteilung gegen den Höhenflug der Mark intervenierte. Die gleiche Ansicht vertraten die Vetreter der sieben größten westlichen Industrieländer (G-7-Gruppe), die sich anläßlich ihrer Washingtoner Tagung zudem wünschten, daß sich die Abweichungen von den zugrundeliegenden wirtschaftlichen Bedingungen wieder "ordentlich korrigieren" würden.

Für die Industriellen, die sich oft als Opfer von parasitären Zockern sehen, dürften diese verbalen Interventionen zuwenig gewesen sein. Aber Devisenmarktinterventionen sind als Kurieren am Symptom verschrien. Und einer stärkeren Regulierung der Märkte steht der Zeitgeist entgegen. Doch es gibt durchaus Alternativen zum Nichtstun: Selbst wenn man ihnen reserviert gegenübersteht, so sollten sie in einer aufgeklärten Erörterung doch ihren Platz haben.

Die Besorgnis der deutschen (und damit der europäischen) sowie der japanischen Industrie gilt dem amerikanischen Dollar. Dieser hatte - bis zur jüngsten Erholung - seit dem Jahresanfang etwa elf Prozent gegenüber der Mark und achtzehn Prozent gegenüber dem Yen verloren. Solche Kursentwicklungen machen das Leben für alle Nichtamerikaner schwerer, die - ob zu Hause oder auf Exportmärkten - auf Dollarmärkten konkurrieren müssen. Aus amerikanischer Sicht liest sich die Geschichte dagegen weniger dramatisch. Denn gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner, dem mexikanischen Peso und dem kanadischen Dollar, hat die US-Währung gleichzeitig an Wert gewonnen.

Nun ist der Preis des Dollar aber kein eigenständiges politisches Ziel - wie Wachstum, Beschäftigung und Inflation. Er ist vielmehr, wenigstens nach der klassischen Lehre, das Ergebnis des Zusammenspiels haushalts- und geldpolitischer Entscheidungen. Wollte man also einen anderen Dollarpreis, müßten sich diese Fundamentaldaten ändern. Wechselkursstabilität begänne zu Hause, in diesem Fall also in den Vereinigten Staaten. Auch das liest man, übrigens im Widerspruch zur gleichzeitig vertretenen Übertreibungsthese, in offiziellen Würdigungen. Die Erwartung aber, daß bloß wegen des Dollar die weiche Konjunkturlandung durch eine weitere Straffung der US-Zinsen gefährdet wird, ist unrealistisch. Diese Interessenlage der USA ist bereits ein entscheidender Grund für die Passivität der Währungspolitiker.

Durch international koordinierte Interventionen ließe sich der Dollarkurs durchaus korrigieren. Daß solche Maßnahmen nicht per se unwirksam sind, zeigt der Dollarkurs seit 1987. Seither bewegt er sich in einer Bandbreite von knapp 15 Pfennig, in der zwei Drittel der Schwankung stattfindet, um den Mittelwert von DM 1,67. Damit hat er viel von seiner früheren Flattrigkeit verloren. Die wohlwollende Nichtbeachtung des Dollarkurses während der Ära Reagans, als es eben keine implizierten Zielbänder für den Dollar gab, hatte wesentlich größere Schwankungen zur Folge. Gewiß, gegen die wirtschaftlichen Grundströmungen vermögen Interventionen nichts auszurichten. Bei Abweichungen von den fundamentals sind sie aber erfolgreich, soweit sie glaubwürdig und koordiniert sind. Aber offenkundig wollten die weltwirtschaftlich relevanten Akteure ihre heimischen Prioritäten nicht auf dem Altar der internationalen Koordination opfern.