Die Japaner sind geschockt vom Giftgas; den Amerikanern hat die Trümmerruine von Oklahoma die Augen aufgerissen: Die Epoche von "Krieg und Frieden" geht zu Ende, die Ära von "Terror und Zivilität" beginnt mit hilfloser Suche nach verbindenden Erklärungen und verbindlichen Therapien.Hatte unlängst Hans Magnus Enzensberger die Vorspuren des Bürgerkriegs ausgemacht, haben andere sich auf Bocksprünge nach rechts eingelassen und viele von uns in die Leidgesänge nach links eingestimmt, s o verdichtet sich jetzt die Debatte auf den Kern.Aus dem Kalten Krieg sind wir geraten in den "Heißen Frieden". Und so nennt Antje Vollmer ihr neues Buch.Mit sicherem Gespür mischt sie sich früh ein in das Thema des Jahrhundertendes.Wenn das die Vizepräsidentin des deutschen Bundestags tut, dann gebührt ihr Aufmerksamkeit.Denn aus nicht allzu vielen Parlamenten Europas werden Stimmen laut und Texte gedruckt, die sich den zentralen Fragen so eindringlich nähern. Antje Vollmer hat sich daran gemacht, Konturen künftiger Konflikte aus dem gemeinsamen Erbe vergangener Gewaltepochen zu markieren - ein gigantisches Vorhaben.Sie fragt nach den "Menschheitserfahrungen und Traditionen, die es früheren Epochen ermöglichten, die innergesellschaftliche Gewalt zu bändigen".Aber der Text läßt auch die immer wieder durchschimmernde Trauerarbeit einer biographischen Bemühung spüren, mit der das einstige Verständnis für die Revolution auf das analytische V erstehen von Gewaltbereitschaft zugespitzt werden soll. Mir ist manches zu allgemein und allzu griffig.Nicht vorgestellt werden die sehr verschiedenen und oft sehr pragmatischen angloamerikanischen Schulen der Zivilisationsethik.Der Verzicht mag in der deutschen Denktradition liegen, unsere Gegenstände auf einen einzigen großen, auch emotional aufwühlenden Nenner zu bringen.Damit konnten englische und amerikanische Sozialanthropologen nicht dienen.Aber sie lehnten eine allzu idealistische Stufenleiter des zivilisatorischen Erfolges ab; sie fragte n nach den ökonomischen und technologischen Bedingungen für das innere Gewebe des Friedens, ohne den keine Gesellschaft, auch die bei Vollmer zitierte steinzeitliche nicht, je ausgekommen ist.Ob die großen Opferrituale der Antike wirklich jene frie densstiftende Funktion hatten, die sich die Autorin nun auch erhofft von den großen medialen Kampfarenen der Fußballplätze und der Fernsehkultur, mag zutreffen oder auch nicht.Anregend sind ihre Überlegungen für die Zivilisationsdebatte in jedem Fa ll. So begleitet der Leser die Autorin auf ihrer souveränen Archäologie der Zivilisation und muß gelegentlich sanft den Kopf schütteln, wenn dort uralte Scherben gefunden und allzu rasch gedeutet werden, um die zentrale These zu untermauern: Die Geschichte der Mythen sei eine Geschichte der zivilisatorischen Regelwerke.Da geht die Autorin eher selektiv vor: Der französische Autor René Girard und Hannah Arendt sind die Mentoren bei der Suche nach globalen und gelegentlich auch pauscha len Antworten auf die Frage: Warum haben Gesellschaften immer wieder die Kraft gefunden, den inneren Frieden zu organisieren, vor allem dann, wenn der äußere ungesichert schien? Antje Vollmer wagt - für die Therapie - den Sprung über den Graben, sie spricht nicht nur von Eliten, sie fordert deren ethische und zivilisatorische Führungsrolle geradezu ein.Denn sie sieht die "Moral und Ethik der Völker als endliche Ressource, sie geht durch unmäßige Ausbeutung zur Neige wie die Bodenschätze, die Regenwälder, die Ackerkrume, die Ozonschicht".Zu Recht kritisiert die Autorin, daß konservativen Politikern die Ursachenforschung oft genug zur "Ersatzhandlung" gerät, "zur altb ekannten Jagd nach Sündenböcken, die vergißt, daß alle an diesem Phänomen beteiligt sind". Die Autorin hofft auf den mündigen Bürger, der, anders als die Wertewarner der Konservativen, mit sich selbst und seiner Mitwirkung an den Beschädigungen kritisch ins Gericht geht, der die Stabilitätsfaktoren ebenso kennt wie die Explosivstoffe, die das Gebäude der Zivilisation immer wieder zum Einsturz brachten.So endet die tiefschürfende Suche in den alten Stollen der Zivilisationsgeschichte und in den verwitterten Stätten des kulturellen Tagabbaus mit der Freude über den Fund einer glitzernde n Goldader: die neuen Citoyens, die die "dritte Phase der Zivilisation" einläuten sollen - eine Phase, "die den Respekt vor den früheren Menschheitskulturen der Gewaltbeherrschung bewahrt und trotzdem über die Gründe ihres Untergangs weiß". Ob Antje Vollmers Hoffnung auf die zivilisatorische Kraft der aufgeklärten Mittler berechtigt ist?Sie hat "Bausteine zusammentragen wollen" für die Debatte um die Zukunft der Zivilisation.Ein wichtiger Beitrag ist entstanden, um die Verantwortung für Zivilität einzuklagen, um das politische und publizistische Personal der Republik am Portepee zu fassen. Antje Vollmer: Heißer Frieden Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995; 207 S., 34,- DM