Sollen wir den berühmten Satz noch einmal zitieren? Bitte sehr. Karl Kraus: "Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit." Gut, oder?

Aber der Satz stimmt ja gar nicht! Es ist nämlich viel schlimmer, sozusagen schwieger. Karl Kraus war nie verheiratet, woraus unter anderem folgt, daß er keine Schwiegermutter hatte. Es gab auch keine Frau Kraus, die ihrerseits eine Schwiegermutter gehabt hätte. Sidonie Nádherny von Borutin, eine böhmische Adlige, war, wenn man so salopp sagen darf, die Affäre von Karl Kraus. Weil ehemäßig daraus nichts wurde, bleibt die Frage, wie Sidonie gegebenenfalls mit Mutter Kraus klargekommen wäre und wie unter derart verschärften Umständen der Kraussche Aphorismus gelautet hätte, leider offen.

Weshalb eigentlich ist dauernd die Rede von der Schwiegermutter? Es verhält sich ja nicht so, daß wir uns das Thema freiwillig ausgesucht hätten. Erstens hatte oder hat jeder Mensch (Singles hier bitte weiterblättern) eine Schwiegermutter, und wenn das Maß voll und die Maß leer ist, kommt das Thema sowieso auf den Tisch. Zweitens aber liegt es derzeit und dermaßen in der Luft, daß die Redaktion beschlossen hat, unverzüglich Stellung zu beziehen. Was aber insofern schwierig ist, als die Beziehung zur Schwiegermutter geschlechtsabhängig differiert. Um die Wahrheit zu sagen: Es gibt in der Redaktion sowohl Männer als auch Frauen.

Kommen wir zur Sache. In Augsburg hat sich dieser Tage eine "Schwiegertöchter-Selbsthilfegruppe" gegründet. "Ich konnte nicht einmal eigenständig entscheiden, wie der Kaffee gekocht werden soll", sagt Ruth G. (40). Die Frage, ob es dem Kaffee generell guttut, wenn man ihn kocht, einmal beiseite: Das Wort Selbsthilfe hat einen Beigeschmack von Tragik. Wäre hier etwa die Wurzel des bislang unergründeten und schrecklichen Phänomens namens Amok zu suchen?

Aus Söhnen werden Väter, lautet eine alte Weisheit. Können wir daraus schließen, daß aus Schwiegertöchtern Schwiegermütter werden? Es soll sogar die Personalunion von Schwiegertochter und Schwiegermutter vorgekommen sein. In solchem Fall hätte das Wort Selbsthilfe eine besonders eindringliche, wenn auch vertrackte Bedeutung. Indem die Schwiegertochter den schwiegermütterlichen Anteil in sich bekämpft, hilft sie einerseits sich selbst, kann aber den allfälligen Sieg nur auf Kosten ihrer anderen Hälfte davontragen.

Wie auch immer der Kampf ausgeht: Zurück bleibt das Schwieger. Wie entkommt man ihm? Es ist uns aus näherem Bekanntenkreis der Fall zu Ohren gekommen, daß die zukünftige Schwiegermutter ihrer Tochter den Geliebten ausspannte und selber heiratete. Dieses elegante Überspringen des Schwiegerproblems dürfte nicht jedermann zu Gebote stehen. Ganz abgesehen davon, daß, wie die Augsburger Initiative belegt, im Zentrum der Debatte das gleichgeschlechtliche, insbesondere weibliche Schwiegerverhältnis steht.

Sind Frauen machtgieriger, streitsüchtiger? Sind Schwiegerväter bessere Menschen? Wäre das Problem dadurch zu entschärfen, daß die Zubereitung des Kaffees zur Männersache wird? Eine Patentlösung, würde hier die Familienministerin sagen, gibt es nicht. Wo übrigens bleibt Claudia Nolte? Wie stellt sie sich zum Augsburger Fanal?