KÖLN. - Als Ende April dieses Jahres die Ausstellung "Das Neue Köln 1945-1995" eröffnet wurde, ergriff auch Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier das Wort."Der Mensch", so dozierte er, "ist das anpassungsfähigste Geschöpf auf dieser Erde und zudem mit der unschätzbaren Gabe der Verdrängung gesegnet." Was genau der oberste Verwaltungschef gemeint hat, ist zur Zeit in der Josef-Haubrich-Kunsthalle am Neumarkt zu besichtigen.Dort hat der Leiter des Stadtmuseums und Geschaftlhuber, Werner Schäfke, den Wiederaufbau der Stadt in Szene gesetzt.Für 1,2 Millionen Mark hat er großformatige Stellwände anfertigen lassen, auf denen sich Kölner oder in Köln ansässige Unternehmen und Verbände in Wort und Bild darstellen dürfen: 4711 und RTL, Reynolds Tobacco und Strabag Bau, das Bankhaus Oppenheim wie au ch die Deutsche Krankenversicherung.Der WDR fehlt ebensowenig wie der Deutschlandfunk, und auch die Stadtwerke und die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft wollten dabeisein, als Schäfke rief. Am Beispiel des Kaufhofs, Deutschlands größtem Kaufhauskonzern, wird deutlich, was Lothar Ruschmeier mit "Verdrängung" meint und was der Historiker Werner Schäfke unter Geschichtsschreibung versteht.Die kurze Firmenchronik beginnt mit dem Jahr 1945 ("Nach dem letzten Bombenangriff auf Köln am 2.März steht der Kaufhof nur noch als Skelett") und endet mit dem Jahr 1991 ("Der Kaufhof feiert sein 100-jähriges Bestehen mit Superangeboten und einem tollen Jubiläumsprogramm") - dargestellt ist der lä ngst überwunden geglaubte Mythos von der Stunde Null. Die Stellwände des "Versicherungsplatzes Köln" zeigen die am Ort ansässigen Gesellschaften und deren "Leistung" für den Wiederaufbau der Stadt, ohne darauf hinzuweisen, daß die Versicherungen Anfang der fünfziger Jahre wesentlich für die sogenannte zweite Stadtzerstörung verantwortlich sind.Man erfährt auch nicht, daß der Nazibildhauer und Architekt Arno Breker mit dem Neubau des Gerling-Konzerns wesentlich das Bild des Kölner Friesenviertels geprägt hat. Der Handelskonzern Rewe, immerhin ein Unternehmen mit über vierzig Milliarden Mark Umsatz, steuert ein paar Bildchen von alten Verkaufsräumen bei, aber der Besucher erfährt nicht, daß es Herbert Eklöh aus Köln war, der Anfang der fünfziger Jahre durch enorme Rationalisierungen und neuartige Marktstrategien den Supermarkt in Deutschland auf amerikanisches Niveau getrimmt hat.Hin und wieder stolpert der Besucher über einige Exponate: den Ur-Walkman von Sony oder die Schuhe jenes Babys, das Köln Anfang der neunziger Jahre zur Millionenstadt machte. Die Auswahl der Objekte ist beliebig, und die Stellwände wurden von denen mit Inhalt gefüllt, die dafür bezahlt haben.Sponsoring nennt Werner Schäfke das und akzeptiert, daß die Firmen und Verbände für Bild- und Textauswahl selbst verantwortlich zeichnen.Schäfke: "Wir haben mit ihnen die Texte durchgesprochen."Die Bildunterschriften lauten dann so: "Bruno Wellmann mit einer Plastik von Walter Dexel im Hof seines Firmensitzes" / "Die Malerwerkstätten B.W. fertigen das Rednerpult für den a merikanischen Präsidenten John F.Kennedy" / "Festlicher Empfang Königin Elisabeths in Köln.Im Hintergrund die von den Malerwerkstätten B.W. angefertigten Fahnen".In Schäfkes großangelegter Ausstellung ist das Sponsoring zum Product placement verk ommen. Von einer Ausstellung über den Wiederaufbau einer Millionenstadt erwartet man betreffend Städteplanung, Industriestandort, ausländische Mitbürger, Wohnungsbau, Musik oder Sport historische Bezüge und zeitgeschichtliche Vergleiche zu anderen Großstädten.Man erwartet eine Handschrift und nicht die Verrenkung, der kritische Bürger bilde sich schon seine eigene Meinung.Doch Meister Schäfke macht sich zum Propagandisten von Industrie, Handel, Dienstleistung und Verbänden.Wie eine St adt sich ihre Kulturpolitik von den Sponsoren bestimmen läßt, zeigt neben der Ausstellung der opulente Katalog.Sämtliche Sponsoren, allen voran die Stadtsparkasse, erscheinen vor (!) dem Grußwort der Repräsentanten der Stadt, Oberbürgermeist er Norbert Burger und Oberstadtdirektor Ruschmeier.Und bevor eine Chronik zur Stadtgeschichte abgedruckt ist und die Stellwände der Ausstellung im Katalog noch einmal reproduziert werden, blättert man in über hundert ganzseitigen Anzeigen, d ie nicht als solche gekennzeichnet werden, sondern durch die fortlaufende Paginierung inhaltlicher Bestandteil des Katalogs sind.Für 3000 Mark pro Anzeigenseite, die bei der nun vorliegenden zweiten Auflage übrigens noch einmal eingefordert wurden, konnte man sich dort einkaufen. Lothar Ruschmeier: "Nicht nur Kulturmarketing und -sponsoring sind zu intensivierende Aufgaben, sondern auch die stärkere Durchdringung der Kultur mit betriebswirtschaftlichen Gedanken.Hier sehe ich weitere Anwendungsmöglichkeiten im Museumsbereich."Wenn die Ausstellung Mitte August schließt und 40 000 oder mehr Besucher das "Neue Köln" besichtigt haben, die Ausstellung also ein Erfolg ist, wird es schwer, bei zukünftigen Ausstellungen den Vorgaben der Stadtverwal tung zu widersprechen und dem Product placement ein anderes, überzeugendes Konzept entgegenzustellen.