Die Computerwelt, wir wissen es, bildet die Avantgarde menschlichen Gewerbefleißes. Auch die Sprache dieser Welt ist natürlich Avantgarde. Sie nimmt nicht nur ("sensibel" ist das Wort) aktuelle Sprachtendenzen auf; sie treibt die Entwicklung selber tatkräftig voran.

Vor mir liegt ein Softwarehandbuch. Es hat nichts Bemerkenswertes an sich, außer vielleicht, daß es überhaupt existiert - amerikanische Firmen, die ein kleines Dienstprogramm auf den deutschen Markt bringen, machen sich nicht immer die Mühe, das Programm selbst und das dazugehörige Handbuch übersetzen zu lassen. Für dieses zeichnet sogar ein deutscher Übersetzer mit seinem Namen. Und man kann noch nicht einmal sagen, daß seine Übersetzung in einem konventionellen Sinn schlecht wäre (auch wenn sie einem das seltene Vergnügen verschafft, einen Satz wie Das ist jedem seine eigene Entscheidung gedruckt zu sehen). Ihr Deutsch wirkt nur noch etwas eigen. Es ist nämlich das Deutsch von morgen.

Das Programm, welches dieses Handbuch erläutern soll, heißt Uninstaller und ist eine Art Reinigungsmittel (es hütet sich, seinen Namen mit Entklempner zu übersetzen): Es soll all den Dateienmüll, den nicht mehr benötigte Software einst in diversen Windows-Verzeichnissen hinterlassen hatte, mühelos wegputzen. Wenn es so mühelos wie versprochen nicht gelingt, dann auch darum, weil man sich zunächst durch das Handbuch zu beißen hat, das in dem lobenswerten Bemühen, alles idiotensicher zu erklären, erst einmal noch das Klarste verunklärt.

Will sagen: Wer auf seinem PC so viel Software installiert hat, daß er zum Großreinemachen schreiten muß, dürfte ja längst mitbekommen haben, wie ein Dateiname aussieht und daß die drei Zeichen seiner Endung oft verraten, welcher Gattung die betreffende Datei angehört. Dem Handbuch gelingt es, diesen simplen Fakt so zu erklären: ". . . nehmen wir einmal an, Sie schreiben einen Brief an Ihre Freundin Anna . . . (Wenn er fertig ist, fordert Ihr Textprogramm) Sie auf, der Datei einen Namen zu geben. Sie könnten ANNA eingeben. Dann würde (Ihr Textprogramm) das Dokument ANNA.DOC nennen. (Es) fügt den ,.DOC` Teil, wie den Nachnamen eines Kindes, zu dem Namen hinzu - dadurch wissen Sie, wer die Eltern sind. (Das Programm) liest .DOC und weiß, ANNA ist eines seiner ,Babies`." Endlich kapiert? Und was, wenn Sie die Freundin wechseln, und die neue heißt nicht Anna Doc?

Dies aber nur, um zu zeigen, welchem Gegenstand die sprachliche Anstrengung gilt und daß die Lektüre auch frohe Momente beschert.

Das Deutsch von morgen, das der Übersetzer auf seine Leser losläßt, hat er nicht selber erfunden, wie man sogleich sehen wird; er hat nur demonstrativ verdichtet, was schon vielerorts zu hören und zu lesen ist. Und dies sind die zehn wichtigsten Neuerungen.

1. Englisches wird manchmal übersetzt, manchmal naturbelassen. Wann das eine geschieht und wann das andere, entscheidet das Los. Keinesfalls wird dabei berücksichtigt, wieviel Widerstand ein englischer Begriff etwa seiner Übersetzung entgegenbringt. Daß sich zum Beispiel Backup & Restore wunderbar leicht übersetzen ließe (Sichern + Wiederherstellen), heißt nicht, daß es auch übersetzt wird; lieber plagt man sich mit hoffnungslosen Fällen wie SmartDecoy (das zu "Köder" Kopie wird).