2. Wo ein übersetzungsbedürftiges englisches Wort ein irgendwie ähnliches deutsches Gegenstück hat, okkupiert es dessen Bedeutung, auch wenn die Leute zunächst einmal nichts mehr verstehen: Das Restaurieren einer Sicherheitskopie geschieht automatisch. Was verschlägt es, daß restaurieren gar nicht dasselbe wie restore bedeutet, wiederherstellen? Das wird es bald schon tun; Wörter wie kontrollieren und realisieren und konfrontieren (er konfrontierte seinen Schöpfer) und Droge und Zerealie und Option und Integrität (früher Anständigkeit, heute auch Vollständigkeit) und Studie (früher nur eine Vorarbeit, heute jede wissenschaftliche Untersuchung) und viele andere sind ihm vorangegangen. Tatsächlich ist es gar keine üble Art, im zunehmenden Weltverkehr die Begriffssysteme verschiedener Sprachen kompatibler zu machen.

3. Deutsch hat die Eigenschaft, Wortstämme vieler Art zu neuen Begriffen zusammenzusetzen. Dabei entstehen oft vielbespöttelt lange Wörter vom Typ Donaudampfschiffahrtskapitänswitwenversicherungsgesellschaftshauptgebäudese iteneingangstür.

Es gab bisher nur zwei Arten, solche Komposita zu schreiben: zusammen oder mit Bindestrich(en). Diesem Zustand macht das Deutsch von morgen ein Ende. Es schreibt, wie es das Englische und jede vernünftige Sprache meistens machen, die einzelnen Elemente getrennt: Shell Verweis, Windows Anfänger, Support Datei. Dabei beschränkt es sich keineswegs auf solche Fälle, in denen englische Elemente in die Zusammensetzung, die nun keine mehr ist, aufgenommen werden. Auch wo sämtliche Elemente der deutschen Sprache entstammen, wird es so gemacht: Notizblock Anwendung, Raster Schriftart, System Säuberung Eigenschaft (was immer die ist). Wer es einmal begriffen hat, merkt bald, daß Hilfe Sekretär kein Hilferuf (künftig: Hilfe Ruf) sein soll; selbst der Sinn der Welche: Box erschließt sich irgendwann. Das Fugen-s verhindert solche Trennungen keineswegs, auch wenn da nun ein abenteuerlicher neuer Genitiv entstanden zu sein scheint: Eliminations Prozeß, Technische Unterstützungs Abteilung. Nur manchmal taucht noch eine vage Erinnerung an die alte Art und Weise auf; dann wird, wiederum nach dem Zufallsprinzip, ein Bindestrich irgendwohin gesetzt: Datei-Lösch Sekretär. Und wer jetzt meint, das sei nun doch nur eine Marotte dieses einen Übersetzers, der werfe einen Blick in ein beliebiges Computermagazin, ach was, auf die Schilder der nächsten Einkaufsstraße. In den letzten Jahren sind alle Dämme gebrochen. Zwischen dem Sonnen Studio und der Folklore Boutique leuchtet da der neue Stern am Pianisten Himmel.

4. So wie die Nebeneinanderstellung flexionsloser Wortstämme im Englischen zuweilen die Grenze zwischen Adjektiv und Substantiv verwischt (man merkt nur: das hintere Substantiv wird von dem vorderen Element näher bestimmt), geschieht es praktischerweise auch im Deutsch von morgen: der original Programmdateiname, der standard Treiber. In der weiteren Entwicklung wird dann nicht etwa auch das Scheinadjektiv flektiert (der standarde Treiber); es werden wohl vielmehr dem Adjektiv die Flexionsendungen gestrichen (der modern Jargon, wie ein klasse Eis).

5. Eine geradezu charmante Neuerung, von der der "Duden" noch nichts ahnt, ist die Sitte, Komposita übersichtlicher zu machen, indem man einzelne Elemente im WortInnern großschreibt. Hier ist sie nur durch den DoppelFinder vertreten. Sie hat aber auch gar keinen Push mehr nötig, denn sie hat sich längst durchgesetzt, selbst in quasi amtlichen Drucksachen: HiFi, LandesBank, InterCityTreff, InHausPost, TeleBanking, PrickNadelTest, WirtschaftsWoche, und, weil es so apart wirkt, sogar DieWoche. Die Neuerung verdankt sich dem Umstand, daß der Computer bei manchen internen Verrichtungen keine Leerzeichen duldet und, wenn screen save time out nicht geht, ScreenSaveTimeOut jedenfalls sehr viel lesbarer ist als screensavetimeout. Aber im Deutschen ist das Neue in diesem Fall nur das Alte. In den Briefen des Dichters Wilhelm Waiblinger, Hölderlins Jugendfreund, finden sich beispielsweise: HerrGott, FlammenSchrift, MorgenZeitung, OberfinanzRath oder auch eine BuchhändlerCanaille.

6. Das Deutsch von morgen erfreut mit dem sächsischen Genitiv, nicht nur bei Eigennamen (Norton's), auch sonst (Manager's). Freilich ist er schon heute aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Die Titanic hat mehrmals gesammelt: Anne's Lädchen, Ossi's Grill, Jörg's Backstube, Rudi's Fundgrube, Dino's Getränkemarkt. Sie ist dabei auf kühne Auslegungen gestoßen wie Museum's Café oder gar Mac's Snack's, die den Verdacht nahelegen, beim deutschen sächsischen Genitiv sei der Apostroph gar kein Auslassungs- und kein Genitivzeichen, es gehe vielmehr um die neue deutsche Leidenschaft, einfach "ein Zeichen zu setzen", Bedeutung: "Kuck mal!"

7. Kommas werden im Deutsch von morgen ebenfalls nach dem Zufallsprinzip über den Text verstreut (Für, in der Shell installierte Objekte . . .). Trennfehler gibt es nicht mehr: Auch wenn am rechten Seitenrand noch so große Lücken klaffen - Worttrennungen sind völlig abgeschafft, eingedenk des Umstands, daß in so gut wie allem Gedruckten heute das Trennen vom Computer besorgt wird, der all die wirren menschlichen Regeln nun wirklich nicht beherrschen kann.