Bremen hatte die Wahl und entschied am Sonntag auch darüber: Es kann weitergehen mit der großen Schulreform. Was vielerorts in Deutschland schon totgeredet wird, bevor es lebendig war, ist in Bremen längst auf den Weg gebracht - die Schulautonomie. Zwar wird auch in Hessen, Hamburg, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen eifrig daran gearbeitet; Bremen aber, so berühmt wie berüchtigt für seinen Bildungsreformeifer, ging bisher am weitesten.

Schulautonomie - dahinter steht der Gedanke, unsere Erziehungsanstalten umzuerziehen: Sie sollen selbständige, selbstverwaltete und selbstgestaltete Einheiten werden, befreit von den Fesseln der Verordnungen und der Bevormundung durch Bürokraten. Dies sei der einzige Weg aus der vielbeklagten Schulmisere, aus der Abstumpfung, Verkrustung, Überforderung und sinnlosen Verschleuderung von Geist und Geld, glauben die Autonomie-Protagonisten. Skeptiker halten dagegen, hier werde von den Behörden nur versucht, auf Kosten der Schulen und Lehrer Geld zu sparen. Die "Befreiung" sei nur ein weiterer Beweis für die Neigung des Staates, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Amerikanische Verhältnisse drohten mit einem gnadenlosen Wettbewerb der Schulen und einer Selektion der Schüler weniger nach ihrer Leistung als nach Zahlkraft der Eltern.

So steht Prognose gegen Prognose. Dabei kann, wer will, in Bremen erste Resultate in Augenschein nehmen.

Im Schatten der Hochhäuser von Bremen-Osterholz-Tenever behauptet sich inmitten des üblichen Betons die Grundschule am Pfälzer Weg mit postmoderner, blau abgesetzter Klinkerarchitektur, mit viel Platz für kindlichen Bewegungsdrang an den Spielgeräten und im Schulgarten. Ihre Schülerschaft kommt ausnahmslos aus den umliegenden Hochhäusern, Kinder von sozial benachteiligten Familien und in zwei von drei Fällen Kinder von Ausländern und Aussiedlern. Doch ein engagiertes Lehrerkollegium, ein Schulleiter mit klaren pädagogischen Zielen und schließlich eine Schulbehörde, die ihre ersten Autonomieversprechen einlösen mußte, haben aus einer möglichen Problemschule in wenigen Jahren eine Reformschule werden lassen. Ihr pädagogisches Konzept in den ersten beiden Jahrgängen ist es, immer zehn Kinder neu in eine Lerngruppe einzuführen, während zehn andere sie nach zwei Jahren wieder verlassen. So entfällt der übliche Einschulungsschock. Die Älteren helfen den Neuen beim Eingewöhnen. Und ganz nebenbei lernen die Ausländerkinder Deutsch. Jedes Kind soll sein eigenes Lerntempo finden. Die Multi-Kulti-Mischung harmoniert aber nur, weil alles, angefangen bei der Konstruktion der Klassenräume über die Beschaffenheit der Lernmittel bis hin zur frei gestalteten und dennoch fest strukturierten Tageseinteilung, auf freies, selbständiges Lernen zugeschnitten ist.

Wie das funktioniert, kann man in der Klasse der Schmetterlinge sehen. Jedes der zwanzig Kinder scheint mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Ein dunkler Kopf ist tief über ein Puzzlespiel gebeugt, eine Gruppe von vier Jungen schreibt zusammen an ihrem Wochenplan, in einer Ecke des Klassenzimmers hockt ein halbes Dutzend Kinder bei der Lehrerin, die ihnen etwas über den Frühling erzählt. Und ein kleiner Junge konstatiert durch große Brillengläser in fassungslos begeistertem Staunen, daß der vor ein paar Tagen eigenhändig in einen kleinen Topf mit Erde eingepflanzte Samen tatsächlich zu sprießen beginnt. Angesteckt von der Begeisterung des glücklichen Gärtners, beginnen nun auch zwei andere unter seiner Anleitung mit der Pflanzerei. Trotz dieser vielfältigen Aktivitäten bleibt der Geräuschpegel im Klassenzimmer niedrig. Der Raum ist groß genug und in verschiedene "Aktionszonen" aufgeteilt. Da gibt es Platz für Gesprächskreise, Einzel- und Gruppenplätze, eine Puppenecke und auch einen Extraraum für Ruhesuchende. Unauffällig gelenkt wird das Ganze von der Lehrerin. Maresi Lassek lobt, leitet an, schlichtet, erklärt neue Aufgaben und achtet auf die interne Ordnung - die Tagesstruktur. Morgenkreis, Rede- und Ruhezeit, Eigen- und Gemeinschaftsarbeit - alles hat seine bestimmte Zeit.

Viel Glück spielte bei der Entstehung dieser Schulidylle mit. Die Schule ist neu, und ihr Leiter Rolf Struckmeyer konnte dank gelockerter Bürokratiefesseln gemeinsam mit dem Architekten planen, etwa bei der Gestaltung der Klassenräume oder der Auswahl der Lehrmittel darauf achten, daß sie dem pädagogischen Konzept gerecht wurden. Wo aber liegen die Grenzen der Freiheit? Jenseits der zweiten Klasse, spätestens aber in der Erprobungsstufe gelten die konventionellen Lehrpläne. Unweigerlich werden in der Schullaufbahn von Kerem und Mustafa, von Anna und Olga zwei Schulwelten aufeinanderprallen.

Ob dann die Autonomiekonzepte weit genug gediehen sind, um den Aufprall abzufedern?