Weit weg von der Grundschule am Pfälzer Weg, mitten in der Bremer Innenstadt, beim Senator für Bildung und Wissenschaft, wird diese Schulreform gedacht, gemacht und gesteuert. Hier heißt sie ISP/OE, was für "Institutionelles Schulentwicklungsprogramm und Organisationsentwicklungsprojekt" steht, und wird von altgedienten Schulexperten wie etwa Hans-Günter Rolff, dem Leiter des Instituts für Schulentwicklung der Universität Dortmund, schon seit Jahren wissenschaftlich betreut. ISP/OE füllt immer neue Akten und hält die ganze 500-Personen-Behörde mehr oder weniger in Atem. Seit 1991 damit angefangen wurde, ist die Zahl der Informationsseminare, der Ausschüsse, Befragungen, Sonderfortbildungen, Projektentwürfe, Expertenteams nicht mehr zu zählen. Inzwischen haben sich diese Anstrengungen in einem neuen Schulgesetz niedergeschlagen. Seine Besonderheit besteht nach Ansicht seiner Urheber darin, daß es nicht so sehr Rechtsgrundlagen zementiert, sondern eine Schulentwicklung verordnet - ein Gesetz also, das Lernprozesse anstößt. "Am Anfang hat uns der Justizsenator das Gesetz gar nicht abnehmen wollen", erzählt Jürgen Holtermann vom Grundsatzreferat. "Wobei die Pikanterie darin liegt, daß unser Bildungssenator gleichzeitig unser Justizsenator ist." An die Stelle der gesetzlichen Bevormundung, mit der nach Ansicht von Gernot Lückert, dem Leiter der Schulaufsicht, "auch Bremen vollends Schiffbruch erlitten hat, soll jetzt jede Schule für sich bestimmen, wie sie in die autonome Entwicklung einsteigt".

Dafür mußten zuerst alle Verordnungen von einem Stichtag an außer Kraft gesetzt werden. Das war die Grundvoraussetzung dafür, daß Schulen ihre eigenen Schulprofile entwickeln können: mit pädagogischen Reformprogrammen wie am Pfälzer Weg oder durch Schwerpunkte wie bilinguale, naturwissenschaftliche oder umweltorientierte Angebote.

Gleichzeitig sollen die Schulen eigene Managementfähigkeiten ausbilden. "Eine Schule", meint Holtermann, "ist heute ein mittelständisches Unternehmen, wird aber geführt wie eine Behörde vor hundert Jahren." Wenn es schon unumgänglich sei, daß bei der augenblicklichen Finanzlage der Länder weniger Mittel mehr Leistung hervorbringen sollten, "dann müssen wir an die Produktivitätsreserven ran". Und die veranschlagt er mit etwa dreißig Prozent. Die Schulen sollen Reserven aus sich herausholen, indem sie ihre Finanzen selbst verwalten. Sie verfügen künftig über mehrere Fonds: Lehr- und Lernmittel, kleiner Baufonds, Energie, Fortbildung, Geschäftsbedarf, Inventar und Grundstückspflege. Sparen sie in einem Topf, dürfen sie dieses Geld in einen anderen stecken. Außerdem sollen die nicht verwendeten Mittel auf das nächste Jahr übertragbar sein. Zur Zeit mutet die Behörde den Schulen noch nicht zu, alle ihre Töpfe selbst zu verwalten, wohl wissend, daß dies eine Überforderung bedeutet. Die Reformväter wußten das und haben an einige Schulen externe Helfer geschickt, die "Schulentwicklungsmoderatoren". Dabei handelt es sich um besonders ausgebildete Lehrerinnen oder Lehrer, die jeweils paarweise an einigen Schulen dabei helfen, "Prozesse in Gang zu setzen, Gruppen zu moderieren, Ziele mit den Beteiligten zu klären und mit Mitteln der Realisierung zu verbinden", wie es in einem der ungezählten Projektpapiere heißt.

"Die ganze Reform braucht Zeit, mindestens noch zwölf bis fünfzehn Jahre", meint Lückert. Doch schon während dieser Zeit wird nichts davon unberührt bleiben - von der Lehrerkonferenz, die zu einer paritätisch mit Lehrern, Eltern und Schülern besetzten Schulkonferenz umgebaut werden soll, bis hin zur Freigabe der Lehrerstundenzahl und der Möglichkeit ("in ganz, ganz vorsichtigen Ansätzen"), auch "Ungelernte", etwa Handwerksmeister oder Hausfrauen, in der Schule einzusetzen - oder Ausländer für den muttersprachlichen Unterricht in Türkisch, Russisch, Polnisch oder Kurmandschi-Kurdisch.

Nicht genug damit, hat man sich auch noch eine komplette Verwaltungsreform vorgenommen. So soll die Schulaufsicht zu einer "Schulinspektion" werden. Entbunden von der Dienst-, Fach- und Rechtsaufsicht, soll sie die Schulen beraten, ohne Weisungsbefugnis zu haben. Obendrein erfolgt das große Wendemanöver im Katastrophenklima der Sparhaushalte: Die Behörde will die Hälfte ihrer 500 Stellen einsparen und dafür einige Beamte zurück an die Schulen versetzen; außerdem werden insgesamt beinahe 200 Lehrer an andere Schultypen wandern, vor allem "Überhänge" der gymnasialen Oberstufe. "Es bleiben eben doch zentrale Steuerungselemente zurück", kritisiert Lückert.

"Man schreibt uns vor, wie viele Lehrer versetzt werden, und wir dürfen dann demokratisch abstimmen, welche", karikiert prompt Detlev Both von der Schule Lehmhorster Straße im Bremer Norden dieses Demokratieverständnis. Trotzdem lassen er und seine Kollegen sich den Reformschneid nicht abkaufen und basteln unverdrossen an einem eigenen Schulprofil für ihre tausend Schüler. "Bilingual können wir ja leider nicht mehr werden, das macht die Nachbarschule schon", bedauert Schulleiter Eberhard Pomtow. So hat man sich denn auf die Gestaltung eines besonderen Nachmittagsangebots für die Schüler verlegt, vom Schach über die Hausaufgabenbetreuung bis zum Schwimmen für Anfänger. Daß die insgesamt fünfzehn der über siebzig Lehrer der Schule die Nachmittagsbeschäftigung freiwillig betreuen, versteht sich ebenso von selbst wie der Umstand, daß viele der anderen Kollegen solchen pädagogischen Eifer mit Mißtrauen betrachten.

Noch ist es viel zu früh, Bremens Reformvorstoß als gelungen zu loben oder als mißglückt abzuqualifizieren. Noch vermag niemand zu sagen, ob etwa die Profile der einzelnen Schulen nun zu einem farbigeren Pädagogikangebot führen oder in einem lähmenden Konkurrenzkampf enden. Genauso ungewiß ist, wie reformfähig eine einzelne Behörde ist, die ohne eine allgemeine Verwaltungsreform saniert werden soll. Mit Sicherheit aber wird die Reform neue Probleme und auch Kosten mit sich bringen, etwa durch eine Flut von Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer und Verwaltungsbeamte. Trotzdem: Ohne einen neuen Anfang gibt es kein Ende des augenblicklichen Schulelends. In Bremen wird jetzt schon versucht, worum alle anderen Bundesländer nicht herumkommen werden, nämlich die steckengebliebene Bildungsreform der frühen siebziger Jahre endlich flottzumachen. Das Risiko, neue Fehler zu machen, neue Irrtümer einst revidieren zu müssen, ist unvermeidlich. Wer will, mag sich mit der Märchenweisheit der Bremer Stadtmusikanten trösten: "Ei was, du Rotkopf", sagte der Esel zum Haushahn, "zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod finden wir überall."