Jede Inszenierung, ob groß oder klein, ist auch eine Schöpfungsgeschichte. Von der ersten Probe ("und es ward Licht") über die Premiere bis zum Erscheinen der Rezensionen ("und es war nichts").

Umgekehrt könnte man auch die Erschaffung der Welt als Inszenierung betrachten - Gott ihr Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Kindlichfromme Gemüter werden sich diese Inszenierung als ein einziges Zaubertheater vorstellen, den HERRN als den herrlichsten aller Theatermacher. Für die Skeptischen und für die Sauren fängt schon mit der Schöpfung die Theaterkrise an: das Ganze (trotz beachtlicher Einzelheiten) doch eher ein Murks und ein Unglück. Und Gott, der Welttheaterintendant, sah, daß es schlecht war.

Der liebe Gott betritt die Bühne des Wiener Burgtheaters. Weiß Gott keine göttliche Erscheinung. Gott hat ein zu kurzes Nachthemd an, das wallende Haar und der graue Rauschebart sind nicht eben erstklassig gepflegt. Gott stolpert durch den dampfenden Nebel, blickt ein wenig irre, fuchtelt mit den Armen - so, wie ihn der Schauspieler Roman Kaminski vorführt, scheint er weniger vom Himmel herabgestiegen, als dem Armen- oder Narrenhaus entsprungen zu sein.

Gott ist nicht tot. Aber ein bißchen todmüde ist er schon - weshalb er, nach seinem kräftezehrenden Anfangsauftritt, am weiteren Verlauf des Schauspiels kaum noch Anteil nimmt. Er hat ja wahrlich genug getan: die Lichter auf der Bühne entzündet, das Meer rauschen lassen und, für ein paar Sekunden, das Phantombild eines tropischen Paradiesgartens herbeigezaubert. Jetzt muß Ruhe sein, glaubt Gott. Jetzt kommen erst mal die Menschen.

Im Wiener Burgtheater hat die Uraufführung eines neuen, wahrhaft unerschrockenen Theaterstücks von Peter Turrini begonnen: "Die Schlacht um Wien". Inszeniert hat, wie bei diesem Titel und bei diesem Autor selbstverständlich, der Herr des Burgtheaters selber, Claus Peymann.

Ein Wald bei Wien. Ein Märchenwald fürs schönste Wiener Zaubertheater. Ein Fürchtewald fürs gräßlichste Wiener Menschentheater. Ein Theaterwald mit vielen Paten: von Shakespeares Sommernachtswald bis zu Horváths Wienerwald. Gott tritt darin auf und der Teufel in vielerlei, gemeinmenschlicher Gestalt. Ein bleiches junges Fräulein (Regina Fritsch) als Engel des Schönen und der Erlösung. Und Peymann. Eine Peymann-Parodie: der "Theaterdirektor", von Martin Schwab mit Trauer, Güte und Nachsicht, weit weg von Peymann, gnädig vorgeführt.

Dazu ein junger Mensch und Cellospieler (Sylvester Groth), zum Selbstmord entschlossen. Eine Operettendiva (Sabine Orléans), gleichfalls in den Tod verliebt. Ein alter Jude (Traugott Buhre), der in der "Mörderrepublik" Ö. nur überleben konnte, indem er den alten Nazi gespielt hat. Behauptet er - doch wie immer bei Peter Turrini könnte jede Lebensgeschichte eine Lügengeschichte sein.