Wir leben in einer Zeit, in der die politischen und ökonomischen Zukunftsvorstellungen des Westens die ideologischen Konzepte überall auf der Welt nahezu uneingeschränkt beherrschen. Die derzeitige Vorherrschaft westlicher Prinzipien ist allerdings gefährdet, da die Vereinigten Staaten bestrebt sind, ihre Wertmaßstäbe auf die Probleme der Welt insgesamt zu übertragen. Die Wertvorstellungen des Westens beruhen im wesentlichen auf drei Prinzipien: Kapitalismus und freier Markt, Menschenrechte und säkulare liberale Demokratie sowie der nationalstaatliche Rahmen der internationalen Beziehungen. Die bittere Realität ist jedoch, daß diese organisatorischen Prinzipien des Westens auf die Länder und Gesellschaften der Dritten Welt destabilisierend wirken.

I.

Wie wird die nächste weltweite ideologische Konfrontation aussehen, jetzt, da der Kommunismus der Geschichte angehört? Ein so eindeutiges Gegenmodell zum Westen wird es wohl nicht wieder geben. Die "nächste Ideologie" dürfte daher eher in der Ablehnung der Werte und Institutionen des Westens aus den unterschiedlichsten Gründen bestehen, vor allem durch jene Regime, die mit der Umsetzung dieser Wertvorstellungen große Schwierigkeiten haben. Diese Ablehnung wird nichts anderes sein als eine Abkehr vom Begriff "Modernisierung" westlicher Prägung - mit all den dazugehörigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Erschütterungen. Im schlimmsten Fall könnte eine solche Ablehnung dazu führen, daß nichtwestliche Staaten sich zusammentun, um lauthals nach einer starken Führung zu rufen.

Keine dieser Möglichkeiten ist im Grunde wirklich neu. "Modernisierung" hat die Dritte Welt weit mehr als ein Jahrhundert lang bedroht. Doch die Probleme und Forderungen der Dritten Welt haben heute ein gewaltiges Ausmaß angenommen, die Situation ist unberechenbar, und der Anarchismus ist weltweit verbreiteter denn je.

Natürlich gibt es nicht nur Negatives über die Dritte Welt zu berichten. Man hört auch jede Menge Erfolgsmeldungen, insbesondere über den wirtschaftlichen Aufschwung in Asien. Doch die Rückschläge werden weiterhin überwiegen. Selbst Länder, die einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, verzeichnen gewaltige Einkommensunterschiede. Am Ende dürften dergleichen Schwierigkeiten und Mißstände ein solches Ausmaß an politischer Unzufriedenheit und Feindseligkeit erreichen, daß unser derzeitiges Staatensystem dadurch in Frage gestellt wird. Und eben darin liegt die nächste ideologische Herausforderung.

Diese neue Auseinandersetzung geht vor allem darum, ob es zum westlichen Modell keine Alternative gibt. Doch auch ohne Gegenmodelle erzeugt schon der einfache Widerwille gegen den schmerzhaften Prozeß der Verwestlichung reichlich Nahrung für Demagogen und radikale Bewegungen. Selbst die Befürworter der Modernisierung werden sich gegen deren schlimmste Bestandteile auflehnen und dem Westen das unzulängliche Formelpaket des Internationalen Währungsfonds vorhalten, das, unter anderem, als Quelle aller Probleme gilt.

Nun ist ja der Gedanke, daß die Grundwerte des Westens allgemein anwendbar sind und sich letztlich durchsetzen werden, nicht von der Hand zu weisen. Wie immer das im einzelnen stattfinden mag, so wünschen jedenfalls alle Menschen ein Recht der Mitsprache bei den Dingen, die für ihr Leben entscheidend sind. Kaum jemand wird es vorziehen, unter strenger Willkürherrschaft zu leben. Das westliche Prinzip des freien Marktes mag seine darwinistische Seite haben - es gibt Gewinner und Verlierer -, aber kein anderes System hat es bislang fertiggebracht, so viele Dinge für so viele Menschen zu produzieren wie der freie Markt. Und der Gedanke des Nationalstaats beruht auf dem Glauben, daß Menschen gesellschaftliche und politische Stärke sowie Genugtuung aus einer gemeinsamen Kultur schöpfen, die zugleich als Ordnungsprinzip dient. Insofern sind diese Grundwerte allgemein anwendbar - obwohl sie aus historischen Gründen zunächst im Westen institutionalisiert wurden.