Paris

Widersachern macht es Alain Juppé nicht leicht. Sein Äußeres ist glatt poliert - von der Glatze bis zu den Schuhspitzen. Makellos auch sein politisches Wirken, hindernisfrei sein Karriereweg. Frankreichs neuer Präsident Jacques Chirac, der ihn zum Premierminister auserwählt hat, hält ihn für den "brillantesten Mann seiner Generation". Selbst die angelsächsischen Medien, sonst mit Seitenhieben gegen französische Politiker nie zimperlich, ergehen sich in Lobeshymnen. Auch optisch sticht der drahtig-asketische Juppé aus der blassen Politikerriege hervor. Sein Spitzname: "der schöne Alain".

Chirac, der während seines ganzen Wahlkampfes über die Eliten herzog, beruft nun mit Alain Juppé deren typischsten Vertreter an die Spitze seiner Regierung: intellektuell brillant, politisch gewandt und dazu ein unglaublich harter Arbeiter. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen in Südwestfrankreich, gelangte Juppé als Frühstarter auf die französische Bildungsüberholspur. Nach dem feinen Lycée Louis-le-Grand absolvierte er nicht nur eine, sondern gleich zwei der Eliteschulen der Republik: erst die klassischhumanistische Ecole normale supérieure, anschließend die politische Kaderschmiede ENA. Beide verließ er als einer der Besten. Danach konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen: Finanzinspekteur, Redenschreiber für Jacques Chirac, Finanzchef im Pariser Rathaus, Budgetminister des Landes und Regierungssprecher, seit zwei Jahren Außenminister und nun, noch nicht fünfzig Jahre alt, Premier. Er stand stets unter den Fittichen von Chirac, den er salopp "J.C." nennt.

Mochte man ihm früher vorwerfen, sein Ehrgeiz sei selbst für einen Eliteschulabgänger allzu augenfällig, sein Auftreten zu gehetzt und manche Äußerungen klängen übertrieben schrill, so hat sich auch dies inzwischen gelegt. Freunde, die ihn früher als "emotionell behindert" einschätzten, führen seine neue Gelassenheit auf die vor zwei Jahren geschlossene zweite Ehe mit einer Exjournalistin zurück. Kennengelernt hat er sie während eines Interviews. Nach der Hochzeit bekam sie ein Büro an seiner Seite im Quai d'Orsay, dem Außenministerium. Dort schrieb Isabelle Juppé gleich ein Buch darüber, wie man sich an der Seite eines Ministers so fühlt. Eine Erfahrung, die sie überaus positiv beurteilt, wenngleich dem Gatten außer für Gymnastik, Rudern und Joggen kaum Freizeit bleibe.

Alain Juppé hielt treu zu seinem Mentor Chirac, auch zu Anfang des Jahres, als der in der Bürgergunst auf einem Tiefstand war. Nicht allein die Loyalität macht ihn freilich in den Augen des Präsidenten zum idealen Premierminister, sondern seine Fähigkeit, ihn gleichsam "komplementär" zu ergänzen. Chirac ist charismatisch, aber unstet, Juppé hingegen gilt als "hochbegabter Eiswürfel" und als durch und durch solide und zuverlässig. Ihm selber wird die Äußerung zugeschrieben, daß man "mit Chirac nie vor einer Dummheit sicher ist". Wenn der neue Präsident den Mund öffnet, zittern die Finanzmärkte und Frankreichs Partner in Europa. Daß nun Juppé das Regierungszepter führt, dürfte sie beruhigen.

Er gilt als Anhänger der Währungsunion, redet dem "franc fort", dem starken Franc, das Wort, und hat sich als Außenminister weit über die Grenzen Respekt erworben. In Gesprächen zitiert er trefflich große Dichter und läßt so viele Anspielungen auf klassische Musik einfließen, daß deutschen Ministern schwindlig wird. Aber er kennt auch seine Dossiers aus dem Effeff. Selbst François Mitterrand hat die Klarheit und Sachkunde, vor allem aber die Eleganz des Vortrages bei Juppé geschätzt. Hinzu kommt, daß er kein in der Wolle gefärbter Gaullist ist. "Ich könnte", meinte er einmal, "auch Sozialdemokrat sein."

Wo bleibt das Negative? Gewiß, Alain Juppé ist einer der Tüchtigsten im Land. Das Problem ist bloß: Keiner ist sich dessen besser bewußt als er selber. Toleranz und Nachsicht sind nicht seine Stärken. Danke ist ein Wort, das Mitarbeiter selten von ihm hören. Dafür bekommen sie gelegentlich Wutanfälle zu spüren. So beherrscht und kühl sich Juppé nach außen gibt, so nervös und überschäumend ist er innerlich. Schüchternheit und Überheblichkeit ergeben bei ihm mitunter ein explosives Gemisch. Auch Le Monde wurde unlängst Opfer des Juppéschen Zorns: Kurz vor Chiracs Wahl bezeichnete er das Blatt als "Sozialistengazette". Maliziös fragte ihn die Redaktion hernach, wie es dann komme, daß man innerhalb von zwei Jahren sechs große Interviews mit ihm geführt und ihm gar zehnmal Gelegenheit gegeben habe, einen Meinungsartikel zu plazieren . . .