Tschernobyl - dieser Name verbindet sich mit dem größten Unglück der friedlich genutzten Kernenergie. Der neunte Jahrestag der Katastrophe brachte höchst widersprüchliche Angaben über die Zahl der Opfer. Irritation war die Folge: "Wer lügt?" fragte beispielsweise das Hamburger Abendblatt. Immerhin unterschieden sich die Zahlen aus zwei anscheinend kompetenten Quellen um das Zweitausendfache: Einerseits wurde der ukrainische Gesundheitsminister Andrej Serdjuk zitiert, es habe seit 1986 bereits 125 000 Strahlenopfer gegeben. Diese Zahl hielt hingegen der Vorsitzende der deutschen Strahlenschutzkommission, Christian Streffer, für einfach "in die Welt gesetzt". Sein Stellvertreter Christoph Reiners gab an, von den Rettungsarbeitern, die am Unglücksreaktor gearbeitet hatten, seien bisher 65 verstorben und 135 schwer erkrankt. Als Folge der Katastrophe seien Kinder häufiger an Schilddrüsenkrebs erkrankt, hingegen sei die Rate der Leukämieerkrankungen nicht gestiegen. Die taz kommentierte: "Die Strahlenschutzkommission spielt die Gefahren der Strahlung aus Kernkraftwerken schon länger herunter."

Doch so einfach lassen sich die Widersprüche nicht vom Tisch wischen. Denn auch Fachleute der Umweltschutzorganisation Greenpeace (Motto: "Wir strahlen zurück") bezweifeln die hohen Zahlen aus der Ukraine. Die Hamburger Greenpeace-Zentrale verwies auf ihren Wiener Mitarbeiter Heinz Högelsberger als Experten. Er meint: "Die aktuellen Daten aus der Ukraine sind verwirrend und mit früheren Angaben nicht kompatibel. Wir versuchen deshalb, eher relativ seriösen Zahlen zu glauben." In einem zehnseitigen Report von Greenpeace "Neun Jahre nach Tschernobyl" heißt es über die Opfer: "Wurden allein für die Ukraine 6000 bis 8000 Strahlentote bis 1992 genannt, so wird nun von bisher 15000 Todesfällen ausgegangen." Der Greenpeace-Report nennt als Quellen Berichte der taz und des Spiegel von 1992 und bezieht sich für die jüngste Zahl von 15000 Todesfällen auf "Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums, pers. Mitteilung von E. Lengfelder im März 95".

Da sich die Zahl der Strahlenopfer innerhalb eines Monats nicht verachtfachen kann, kommentierte die Süddeutsche Zeitung: "Die Gesundheitspolitiker in der Ukraine und Weißrußland werden mit dem Elend nicht fertig und hoffen auf westliche Hilfe. Deshalb übertreiben sie wohl. Auch Edmund Lengfelder, Münchner Strahlenbiologe, der sich persönlich um die Opfer von Tschernobyl kümmert, hält die Zahl von 125 000 für übertrieben." Insgesamt, so befand Lengfelder nun im Mai, seien "schätzungsweise 30 000 Liquidatoren des Tschernobylreaktors umgekommen". Als Liquidatoren werden jene 600 000 bis 800 000 Katastrophenhelfer bezeichnet, die nach dem Unglück bei Rettungs- und Aufräumarbeiten helfen mußten. Viele von ihnen waren hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt. Da sie aus allen Teilen der Sowjetunion kamen, leben sie heute weit verstreut, etwa in Sibirien, im Baltikum oder anderen GUS-Staaten. Deshalb liegen über ihr Schicksal nur wenig verläßliche Daten vor.

Die Hauptquelle der Konfusion scheint jedoch in der Ukraine zu liegen. Deren Gesundheitsminister Andrej Serdjuk drückte sich anläßlich einer Pressekonferenz zum 9. Jahrestag von Tschernobyl höchst mißverständlich aus. Gemäß einer deutschen Übersetzung der Pressemitteilung sagte er: "Die Gesamtzahl der Todesfälle unter der ukrainischen Bevölkerung, die vom Tschernobyl-Unfall betroffen wurde, war mehr als 125 000 in den Jahren 1988 bis 1994 . . . Die meisten dieser Todesfälle betrafen alte Leute, die auf dem kontaminierten Gebiet lebten. Die Anzahl der gestorbenen Liquidatoren betrug ungefähr 6000". Zu deren Todesursachen stellte er fest: "Den ersten Platz nahmen Erkrankungen von Herz und Kreislauf ein, den zweiten Vergiftungen und Verletzungen, den dritten Krebserkrankungen".

Serdjuks Rede von der Gesamtzahl aller Todesfälle, die er überwiegend älteren Menschen zuordnete, und daß die meisten Liquidatoren Herz- Kreislauf-Erkrankungen, Vergiftungen und Verletzungen erlagen - all dies deutet darauf hin, daß er alle Todesfälle, ob natürlichen Ursprungs, bedingt durch Unfall, Gewalt, Suizid oder Strahlung, wahllos in einen Topf geworfen hat. Diesen Verdacht bestätigten Albrecht Kellerer, Leiter des Instituts für Strahlenbiologie an der Universität München, und Herwig Paretzke, Direktor des bundeseigenen Institutes für Strahlenschutz. Beide sind Mitglieder der Strahlenschutzkommission und Angehörige des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit bei München. Das GSF-Forschungszentrum unterstützt Weißrußland und die Ukraine bei der Erforschung der Spätfolgen von Tschernobyl.

Weder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, noch Verletzungen oder Vergiftungen seien typische Spätfolgen einer Strahlenbelastung, wie sie die Katastrophenhelfer von Tschernobyl erlitten haben - darin sind sich die beiden Wissenschaftler einig. In der Terminologie der Ukraine zählten zu den Betroffenen der Tschernobyl-Katastrophe all jene Menschen, die beispielsweise evakuiert wurden oder noch in belasteten Gebieten leben und staatliche Unterstützung erhalten. Diese Gruppe umfaßt schätzungsweise zwei Millionen Menschen. "Legt man eine natürliche Sterberate wie in der Bundesrepublik von rund einem Prozent pro Jahr zugrunde, dann ergibt sich in etwa die von Serdjuk genannte Zahl von mehr als 125 000 Verstorbenen", erklärt Kellerer.

Diese Aussagen werden bestätigt durch Daten, die der Leiter des ukrainischen Krebsregisters A. Prisyazhniuk und seine Mitarbeiter am Kiewer Zentrum für Strahlenmedizin in der Märzausgabe der Fachzeitschrift Radiation and Environmental Biophysics veröffentlicht haben. Demnach ist die Zahl der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs seit 1989 gestiegen, besonders auffällig bei Kindern. Die Leukämiefälle haben ebenfalls zugenommen, jedoch ist der Anstieg auf die Altersgruppe der über 65jährigen beschränkt. Ähnliches gilt für alle weiteren Krebserkrankungen. Da bei den älteren Menschen andere Faktoren als Tschernobyl im Vordergrund stehen (wie bessere Diagnosemöglichkeiten und vermehrte Registrierung) schließen die Autoren, daß abgesehen von Schilddrüsenkrebs "es derzeit keine Hinweise auf insgesamt zunehmende Krebserkrankungen infolge von Strahlung in den kontaminierten Regionen gibt". Die Autoren fordern allerdings weitere Überwachung, denn wegen der langen Latenzzeit - die meisten Krebsformen brechen erst etwa zwanzig Jahre und später nach einer Bestrahlung aus - stehen viele Erkrankungen noch bevor.