Niemand kann bestreiten, daß Gerry Adams eine der Schlüsselfiguren des nordirischen Friedensprozesses ist. Entweder gelingt es dem Sinn-Féin-Präsidenten (und seinem Stellvertreter Martin McGuinness), die "Republikanische Bewegung" geschlossen in einen Kompromiß hineinzuführen, der den Traum von der irischen Einheit auf absehbare Zeit nicht Wirklichkeit werden läßt, oder Nordirland wird zurückfallen in Tribalismus und Gewalt.

Die "Erinnerungen an Long Kesh" bieten Einblick in die Gedankenwelt von Gerry Adams. Eindringlich und nicht ohne Humor beschreibt er den Alltag in jenem Gefängnis, das mittlerweile "Maze" heißt und aus dem er zweimal vergeblich versucht hatte auszubrechen: die triste, zugige Hütte, in der Adams zusammen mit dreißig anderen Männern eingesperrt war; das deprimierende Leben der Gefangenen samt Schikanen, abstoßendem Fraß und Depressionen; Kameradschaft, aber auch Streit zwischen den Häftlingen; die Tricks, mittels derer sie ihre Wächter überlisteten und es verstanden, ein funkt ionierendes Informationssystem zwischen den verschiedenen, von hohen Drahtzäunen umgebenen Hütten herzustellen.

Kein Zweifel, Gerry Adams ist ein scharfer Beobachter und ein talentierter Erzähler. Aber die Präsenz des kühl kalkulierenden, PR-bewußten Politikers bleibt immer spürbar - Parallelen zu Nelson Mandela, der dreißig Jahre lang in südafrikanischen Gefängnissen schmachtete, sind beabsichtigt. Auch sind die "Erinnerungen" gespickt mit sentimentalen Episoden, irischen Gedichten und Liedern - die IRA bedarf der Sympathie der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa.

Die Kapitel des vorliegenden Buches schrieb Adams zwischen 1973 und 1977. Aber längst nicht alle Ereignisse jener Zeit, selbst wenn sie unmittelbar die Republikanische Bewegung betrafen, hält der Autor für erwähnenswert. Der Verlag war gut beraten, dem Buch ein längeres Nachwort (von Albrecht Meier) anzufügen. Dadurch werden zumindest einige der "Erinnerungslücken" von Gerry Adams gefüllt. In Long Kesh hatte er schließlich seinen Ruf als Vordenker begründet: In nächtlichen Diskussionen beeindruckte er durch analytische Schärfe und Autorität, aber auch durch Entschlossenheit und Machtstreben. Nicht zuletzt wurden im Internierungslager zahlreiche Häftlinge von Gerry Adams geschult und auf ihren "aktiven Einsatz" in den Reihen der IRA vorbereitet. Mit keinem Wort bedenkt Adams die nordirischen "Friedensfrauen" um Mairead Corrigan-Maguire und Betty Williams, deren Versuch, die Fixierung auf Gewalt zu durchbrechen, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Was müssen wir daraus schließen, daß Adams diese - offenkundig lästige - Friedensbewegung nicht eine Zeile wert war? Den IRA-Terror rechtfertigt er als "Gegengewalt" gegen den "Terror der Briten"; unschuldige Opfer sind zu bedauern, aber nicht zu vermeiden. Das Ziel, das Adams und seine Mitstreiter umtreibt und das letztlich alle Greuel entschuldigt, ist nicht nur die Einheit der Grünen Insel; ein "neues Irland", mit "neuen Hierarchien" wird von der Republikanischen Bewegung angestrebt. Zeremonien und Rituale dieser Bewegung enthalten Elemente von Opfer und Märtyrertum; die "Armalite", das Gewehr, ist ihr "heiliger Gral". Die IRA hat immer ihren Krieg nicht nur gegen die Briten geführt, sondern auch gegen die "illegitime" Irische Republik im Süden der Insel. Ob sie jemals bereit sein wird, die "Armalite" aufzugeben? Die ersten direkten Verhandlungen zwischen britischer Regierung und Sinn Féin haben, wie zu erwarten war, in diesem zentralen Punkt noch nichts bewegen können.

Nimmt man dieses Buch zum Maßstab, sind keine allzu großen Hoffnungen auf ein Ende des blutigen Konfliktes angebracht. Doch einiges spricht dafür, daß Gerry Adams sich seither gewandelt hat. In der gerade erschienenen Neuauflage seines Buches "Free Ireland - Towards a Lasting Peace" schreibt er: "Ein dauerhafter Friede in Nordirland verlangt eine Regelung des uralten Konfliktes zwischen irischem Nationalismus und irischem Unionismus." Adams spricht von einem "neuen Verhältnis", das es zu entwickeln gelte. Nicht länger mehr ist die Rede von "Sieg"; die Unionisten sollen "überredet" statt in die irische Einheit "hineingezwungen" werden. Nach wie vor aber bleibt offen, ob Adams das Recht der Protestanten akzeptiert, sich der "Überredung" zu verweigern. Auch müßte es dem Sinn-Féin- Präsidenten gelingen, die gesamte Republikanische Bewegung davon zu überzeugen, auf den "bewaffneten Kampf" auch dann zu verzichten, wenn sich der Traum von der irischen Einheit auf lange Zeit hin nicht verwirklichen läßt. Nur dann könnte aus dem früheren Terroristen ein Staatsmann werden.

Gerry Adams: