Wenn Wut sich in Blitz und Donner niederschlüge, hätte sich vor einigen Wochen über Brüssel ein gewaltiges Unwetter entladen. Vor sieben Jahren hatte die Europäische Kommission ihren ersten Entwurf einer Richtlinie für Patente biotechnologischer Erfindungen vorgelegt. Sieben Jahre hatte die Bio- und Genindustrie fleißig Lobbyarbeit für das Regelwerk betrieben. Und ebenso lange wehrten sich ihre Kritiker aus dem Europäischen Parlament. Vom Ergebnis waren sie vielleicht am meisten überrascht. Anfang März setzte sich das EU-Parlament erstmals über einen Vorschlag des Vermittlungsausschusses hinweg und fegte ein von ihm ausgehandeltes Kompromißpapier zu den Bio- und Genpatenten endgültig vom Tisch - die Szene stand kopf.

Solcher Wirbel um eine Patentrichtlinie mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen - gewerblicher Rechtsschutz hat ein eher sprödes Flair. Doch ein spektakulärer Deal zeigte jüngst, um welche atemberaubenden Dimensionen es geht: Zwanzig Millionen Dollar zahlte das kalifornische Biotechunternehmen Amgen der New Yorker Rockefeller-Universität für die Exklusivlizenz auf die Vermarktung eines menschlichen Gens, das eine Schlüsselrolle bei der Regulierung des Körpergewichts spielen soll. Wenn es gelingt, mit Hilfe des "Ob-Gens" ein Medikament gegen krankhafte Fettsucht ("Obesitas") herzustellen, das sich auch in klinischen Versuchen bewährt, sind Zahlungen bis zu achtzig Millionen Dollar vorgesehen.

Jeffrey Friedman, der "Erfinder" des angeblichen "Dickheitsgens" und Leiter des molekularbiologischen Uni-Labors, wurde von seinem Arbeitgeber mit sieben Millionen Mark bedacht. Die New Yorker Universität, Anmelderin des Patents, verspricht sich weitere Einkünfte aus Lizenzgebühren. Und während die Aktien eines gleichfalls auf Fettleibigkeit spezialisierten Mitbewerbers in den Keller fielen, schielt Amgen angesichts Millionen allzu beleibter Menschen auf einen Milliardenmarkt. Wenn sich mit diesem Gen ein wirksamer Appetitzügler anfertigen ließe, schrieb das US-Magazin Business Week, hätte das Unternehmen "eine Lizenz zum Gelddrucken gekauft".

Der aufsehenerregende Vorstoß einer der größten Biotechfirmen macht bewußt, was in Werbekampagnen für die Genforschung geflissentlich übergangen wird: Menschliches Erbgut kann ein Vermögen wert sein. Im Zeichen einer weltweiten, genetischen Rohstoffverteilung wird der Mensch allmählich selber zur Handelsware. Der US-News & World Report brachte es in einer Titelstory auf den Punkt: Was im Zeitalter der industriellen Revolution Öl und Stahl als Rohstoffe bedeutet hätten, sei für die moderne Gentechnik das geistige Eigentum an genetischem Rohmaterial. Spitzenkräfte unter den Patentanwälten, für das amerikanische Blatt der mit Abstand "heißeste Beruf" der neunziger Jahre, erzielen Einkünfte bis zu einer halben Million Dollar pro Jahr.

Vor diesem Hintergrund versteht sich die allgemeine Erregung über das ungewohnt aufmüpfige EU-Parlament. Entschlossen, den Standort Europa auch in der Gentechnik festzuklopfen, hatte die EU-Kommission Investitionen in die Genforschung wegen ihrer "außerordentlich hohen und risikoreichen" Kosten auch mit besonderen gewerblichen Monopolrechten vergelten wollen. Freilich zeigt die Ohrfeige durch die Euro-Parlamentarier erneut, wie tief der Stachel bei denjenigen sitzt, die sich am Genpoker nicht beteiligen.

"Es ist wie eine Vergewaltigung. Dieses ganze Konzept vom Besitztum menschlichen Materials erniedrigt die Menschheit", erklärte der US-Bürger John Moore auf einer Reise durch Europa, die er Ende 1994 unternahm, um der Patentierung menschlicher Gene öffentlich "ein Gesicht" zu geben. Moore hatte eines Tages erfahren, daß der Arzt seines Vertrauens, David W. Golde, beim amerikanischen Patentamt unter der Nummer 4 438 032 als "Erfinder" der "Mo-Zellinie" eingetragen war. Diese Zellinie produziert einen ungewöhnlichen Abwehrstoff, Golde hatte sie aus der krebskranken Milz des Patienten Moore isoliert.

Im Frühjahr 1984 erhielten Golde und sein Arbeitgeber, die Universität von Kalifornien, auf die "Mo-Zellinie" ein Patent. Lizenzen wurden der Genfirma Genetics Institute verkauft, an der Golde heute mit Aktien im Wert von 2,8 Millionen Dollar beteiligt ist, die University of California wurde mit Stiftungsgeldern bedacht. John Moore, der seinen ehemaligen Arzt erfolglos verklagte, sagt, daß von einem Dreimilliardengeschäft die Rede war.