Schülerlärm auf den Gängen, Totenstille in den Ausstellungsräumen. Hier das Leben, dort die Dinge. Ein Werktag im Deutschen Museum in München.

"Spaltrohrmotorpumpen sind ohne Stopfbuchsen aufgebaut", mit diesem wunderbaren Satz wird das Wesen einer, nun ja, Spaltrohrmotorpumpe auf den Begriff gebracht. Ein Jugendlicher schlendert vorbei und drückt gedankenverloren auf einen Notschalter. Er schaut gar nicht hin, ob etwas passiert. Und es passiert - nichts.

Das seltsame Verhältnis von Mensch und Werkzeug, es läßt sich kaum besser studieren als an diesem Ort.

Technophilen sind die 55 000 Quadratmeter im Riesenbau der Isarinsel, was Kunstbegeisterten der Louvre ist: ein Ort der Verzückung. Wer mit Liebe zu den Sachen kommt, hat selbst nach einer geschlagenen Woche noch nicht genug vom "Deutschen Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik". Doch die Museumspädagogen wollen ja auch diejenigen erreichen, denen Technik ein unzugängliches Terrain ist. Wie könnte es ihnen vertraut gemacht werden?

Ein gutes Beispiel ist ein Fenster in der Abteilung für Umweltschutz, dessen vier Scheiben aus unterschiedlichem Material gefertigt sind. Dahinter herrscht eine Temperatur von 16,5 Grad Celsius. Wir dürfen die Hände aufs Glas legen: Welche Scheibe ist die wärmste? Es ist Scheibe C. Sie hat den niedrigsten "Wärmedurchgangskoeffizienten k" und dämmt deshalb die Wärme am besten. Ein Schaubild zeigt, aus welchen Schichten die vier Scheiben jeweils aufgebaut sind - Technik zum Anfassen.

Leider ist Anfassen nicht überall erlaubt. Deutscher Sicherheitswahn zwingt die Museumsleitung, die meisten chemischen Experimente hinter Glas ablaufen zu lassen. Eigentlich könnte man gleich Videos zeigen. Aber wonach schmeckt Ammoniumchlorid, warum heißt ein Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff Knallgas, wann sublimiert Jod, wie riecht brennender Schwefel? Die "Gefahrstoffverordnung" hat nicht nur Chemielehrer verängstigt und Experimentierkästen verlangweilt, sie entsinnlicht auch die Museumspädagogik, sehr zum Bedauern des Direktors Wolf Fehlhammer, der selbst Chemiker ist.

"Jetzt kommt unser lautester Versuch. Achtung!" Mit brutalem Krachen entladen sich 200 000 Volt. Achtzig Jugendliche zucken zusammen. Kurze Schreckpause, dann Beifall und Jubelschreie wie bei einem Rockkonzert: Klar, wir sind in der Abteilung Blitz & Knall. Fast jeder, der in Süddeutschland zur Schule ging, wird einmal in seinem Leben sich hier lustvoll erschreckt haben. Zirzensischer Höhepunkt ist die Totalbestarkstromung eines Faradayschen Käfigs, darinnen ein Museumsangestellter, kaltblütig nicht aus Mut, sondern aus Routine. Auf die lieblosen Darlegungen des Vorführers achtet indes kaum jemand, denn nach jedem Krawumm muß erst einmal mit den Nachbarn Einverständnis darüber erzielt werden, daß man selbst noch am Leben und das Ganze eine tolle Sache ist.