Düsseldorf/Bonn Zwei Szenen am Tag danach.Nordrhein-Westfalen und Bremen haben gewählt.In den Spitzengremien der Volksparteien in Bonn, bei SPD und CDU, kommt es zu kleineren Eruptionen, die etwas von dem Wunsch verraten, an den starren Verhältnissen zu rütteln. Im Präsidium der SPD empfiehlt Oskar Lafontaine eine Kurskorrektur, freilich spät.Entsprechend der Bareis-Kommission solle das Existenzminimum steuerlich freigestellt werden, der Steuerausfall sei dann mit einer "ökologischen Komponente" in der Energiesteuer auszugleichen.Lafontaine drängt erneut auf ein Ökosteuermodell, denn die SPD müsse endlich zeigen, daß sie die ökologischen Fragen ernst nehme. Über das Plädoyer Lafontaines zeigten sich die Genossen einigermaßen geschockt.Gerhard Schröder wollte wissen, was eine höhere Energiesteuer denn für "seine" Branche bedeute, für die Autoindustrie also.Beschlossen wurde nichts. Ähnlich im CDU-Bundesvorstand: Dort wiederum, berichten Eingeweihte, sei es zur heftigsten Auseinandersetzung zwischen Helmut Kohl und Heiner Geißler gekommen, an die sie sich erinnern könnten.Und das will etwas heißen, wenn man die Geschichte dieser Beziehungskiste kennt. Kohl geht bis zu dem Vorwurf, es sei "parteischädigend", wenn Geißler öffentlich über schwarzgrüne Koalitionen nachdenke.Nett gegenüber der FDP findet er es auch nicht.Er verhängt ein regelrechtes Redeverbot."Es wird nicht mehr diskutiert, bis die nächsten Landtagswahlen vorüber sind", so spricht der große Vorsitzende.Ihn interessiert auch nicht der Hinweis, daß von Mal zu Mal die Wählerströme an der CDU vorbeigehen.Sie gewann in Düsseldorf zwar einen Prozentpunkt, verlor aber 280 000 Stimme n. Schnurstracks kam der Kanzler, der ja nicht blind ist für den anhaltenden Niedergang der FDP, zu seiner neuesten Lieblingsthese: die CDU müsse eben künftig eine eigene, absolute Mehrheit anstreben.Was wiederum unausgesprochen heißt, eine Mehrheit mit ihm an der Spitze. Heiner Geißler hingegen warnte davor, die Mißerfolge schönzureden.Die CDU gebe ein Bild ab, das neben dem Lebensgefühl der Menschen liege, so etwa, wenn das Kanzleramt auf den Ozonalarm und das Plädoyer für ein Tempolimit, wie jüngst geschehen, nur wieder mit einem barschen Diskussionsverbot reagiere.Geißler vergaß nicht hinzuzufügen, seine sechs Wochen alte Enkelin, soeben in Harvard zur Welt gekommen, sei nunmehr amerikanische und deutsche Staatsbürgerin, und er setzte gleich nach, bei junge n modernen Leuten mache man sich als Christdemokrat mit dem geltenden Einwanderungsrecht zur "Witzfigur".Der Kanzler schäumte. Nein, die Vorsitzenden Scharping und Kohl möchten keine solche Diskussion, das Rütteln an den Gittern bleibt im Augenblick vergeblich. Bei Kohl überrascht das nicht.Aber auch Johannes Rau, 64, und Rudolf Scharping, 47, zählen zu denen, die zum Jagen getragen werden müssen.Eine rotgrüne Koalition, wie sie sich abzeichnet, haben Nordrhein-Westfalens Sozialdemokraten eben nicht gewollt. So setzt sich das in Bonn fort.Im Lichte der Erfahrungen aus Düsseldorf, verkündet nun Rudolf Scharping, werde die SPD im Jahre 1997 prüfen, ob Rot-Grün auch für die Bundespolitik tauge. Vielleicht steckt das wirklich Symbolhafte der jüngsten Wahlen vor allem in dieser einen Erfahrung: Die Paralyse der Politik besteht weiter, wenn nicht die Wähler am Wahltag oder dramatische Geschehnisse etwas anderes erzwingen. Jetzt allerdings können die Sozialdemokraten in Bonn beinahe darauf verzichten, ein Projekt daraus zu machen, ähnlich wie bisher nur die Grünen.Es bleibt ohnehin bald keine Alternative mehr, nachdem die Chancen schwinden, daß die FDP künftig noch einmal als Partner für die einen oder die anderen zur Verfügung steht. Die FDP wirkt absolut ratlos.Schäuble nutzt jede Gelegenheit, um zu demonstrieren, daß er heraus möchte aus dieser Lage - seine Klage über die Boykott-Politik der Opposition in der Parlamentsdebatte zur Gewerbekapitalsteuer richtete sich, wenn man das richtig verstanden hat, insgeheim beinahe noch drängender an die eigene Adresse.Sucht er einen Bruchpunkt zu den Liberalen Klaus Kinkels, bevor man von deren Elend angesteckt wird? Das sind die Denkschulen: Helmut Kohl für eine "eigene Mehrheit", Ende der Diskussion und weiter so bis 1998.Und für Europa, natürlich.Heiner Geißler für eine offene Debatte über schwarzgrüne Möglichkeiten, aus Machterwägungen, aber auch mit guten sachlichen Gründen.Für Multikulturelles, gegen eine überhöhte Nation.Wolfgang Schäuble für einen frühen Kanzlerwechsel, der anders als mit einer großen Koalition aus dieser Sicht nicht zu erreichen ist.Für vielerlei Kurskorrekturen, vor allem weg v om teuren Staat, auch für vaterländische Lyrik. Eine große Koalition würde aus Kohls Sicht nur das Tor zu einer späteren Rot-Grün-Koalition in Bonn öffnen.Obendrein würde ein Schwarz-Grün-Disput in seiner Partei erst recht unaufhaltsam, scheint er zu fürchten.Genau diese Diskussion, nein, überhaupt jede Diskussion will Kohl unterbinden.Besonders Theo Waigels CSU betrachtet die Grünen noch immer, als handle es sich um Ebola-Viren, die Killer aus dem Urwald. Teile der SPD sehen das ähnlich.Für sie alle, die so verängstigt sind, in SPD und CDU gleichermaßen, hat die FAZ das soeben auf den Begriff gebracht.Eine irrationale Linkspartei seien die Grünen geblieben, den Staat akzeptierten sie nur, wenn und wann er ihnen passe, und sie verrieten "in freundlicher Form totalitäre Ansätze".Lernprozesse, man sieht es, die wegführen von den Klischees, brauchen wahrlich elend lange. Der Kulturschock, den die Wähler damit ausgelöst haben, daß sie die SPD aus den Höhen ihrer selbstverliebten Alleinherrschaft gestürzt haben und zu einer Partnerschaft mit den Grünen zwingen, die von fünf auf zehn Prozent in Nordrhein-Westfalen zugelegt haben - dieser Schock ist in Worten kaum zu beschreiben.Im Düsseldorfer Landtag liegen einzig die Scheinwerfer der Fernsehanstalten, die das Desaster und Glück des Wahlabends beleuchteten, säuberlich geordnet am Boden herum - der Rest i st mentales Chaos.Mit der nordrhein-westfälischen SPD, oder genauer der Revier-SPD, ist eine Partei zum Lernen gezwungen, die sich wie kaum eine andere gegen diesen Gedanken immunisiert hat.Selbst ein bißchen ökologisch denken, mit Hilfe des Umw eltministers Klaus Matthiesen, das kam gerade noch in Betracht, wenn er es nicht gar zu doll trieb.Aber sich künftig die Lektionen von den jungen Besserwissern aus dem Lehrermilieu verordnen lassen?Mann-o-Mann! Die SPD hat es natürlich selbst nicht richtig geglaubt, sich aber an der Fassade orientiert: Als gäbe es den klassischen Arbeiter, das geschundene Industrieproletariat irgendwie immer noch.Sie hat sich sogar älter gemacht, als sie ist.Dabei haben doch auch die treuen Anhänger alles getan, um dieses Image noch loszuwerden.Jedenfalls wird der "Kumpel", den es als Rarität, aber nicht mehr repräsentativ für das Gros der Angestellten- und Arbeiterwelt gibt, letztlich zu einer mehr historisch al s soziologisch interessanten Figur.Der Steiger kommt?Wo denn noch? Johannes Raus Wahlanalyse hat das alles ziemlich trocken offenbart.Nicht nur, daß die Grünen in Kölner Bezirken bis zu dreißig Prozent erzielten.Wo die Industriearbeiterschaft dominiere, zum Beispiel in Dortmund und Duisburg, habe die SPD überdurchschnittlich verloren (5,1 Prozent), und in diesen Zentren hätten die Grünen mehr dazugelegt als in Dienstleistungsregionen.Raus Fazit: Die Grünen haben offenbar "Resonanz über ihre klassische Wählerschaft hinaus" gefunden. Diese Lektion wird nun dem Kern vom Kern der Sozialdemokraten erteilt, dem Traditionsflügel in Düsseldorf also, der auch unter der Regie Rudolf Scharpings in Bonn viel Einfluß behielt, gelegentlich gar den Ton angab.In der Braunkohle - um es an diesem Symbol zu verdeutlichen - sieht er die Vergangenheit wie die Zukunft.Das Projekt Garzweiler II (Tagebau), das die Grünen nun stoppen möchten, soll erst im Jahr 2006 - hört, hört! - starten und bis 2045 reichen. Dennoch, was Rot-Grün betrifft, sind die Mehrheiten in der SPD, ohne daß sie eine vorbereitete Debatte geführt hätte, ziemlich eindeutig.Die kleinen SPD-Bezirke (Ostwestfalen-Lippe, Mittelrhein) ziehen die Grünen ohnehin vor, in den großen (Niederrhein, Westliches Westfalen) sind die Meinungen geteilt.Auch Manfred Stolpe, in der Wahlnacht an Raus Seite, wird sich am Ende mit seinem Rat wohl kaum durchsetzen, den Gedanken an eine große Koalition in Düsseldorf nicht ganz zu vergessen. Für die SPD, oder jedenfalls für Teile von ihr, war das der Super-GAU.Einflußreiche Sozialdemokraten wie Farthmann und Müntefering sind nicht mehr im Landtag, Wolfgang Clement behielt als einziger potentieller Rau-Nachfolger sein Mandat (das der Ministerpräsident laut Verfassung braucht).Dabei gibt es schon achtzig rotgrüne Koalitionen in den Kommunen, darunter in sämtlichen großen Städten außerhalb des Ruhrgebiets.Hat die SPD das alles ignoriert?Ihre Antwort hieß nicht Politik, ihre Ant wort hieß Rau. Jetzt drängen ihn alle zum Bleiben.Er soll trotz seiner Ankündigung, nur als Alleinregierender weitermachen zu wollen, wenigstens den Übergang zu einer rotgrünen Koalition organisieren und segnen.Nur Gerhard Schröder rät verklausuliert, Rau solle auch daran denken, wofür er steht.Für Rot-Grün steht er nicht, das ist klar. Das Problem nämlich steckt gar nicht allein in dem ungeliebten rotgrünen Bündnis.Zum Schlüsselproblem für Rau, das er mit Kohl gemeinsam hat, ist vielmehr die Dauer seiner Amtszeit geworden.Er ist einfach unglaublich lange dran.Seit 1980!Und so lange schon schart er Freunde um sich, die mit ihm alt geworden sind.Als Normalität gilt folglich das, was ist.Derart lange Regierungszeiten werden in Demokratien - und für Demokratien - zum Problem, selbst wenn einer wie Rau beständig zur Diskussion einl ädt, damit die Partei nicht erstarrt - während Kohl lieber Redeverbote verhängt und Verhältnisse entstehen "wie in der KPdSU", um es in den Worten eines seiner Parteifreunde zu sagen. Er habe schon lange gesagt, dröhnt Helmut Kohl, Johannes Rau sei ein auslaufendes Modell.Ganz so, als müsse er ihn - nach dem K.-o.-Schlag, den er Rau im Streit um die Bundespräsidentschaft versetzte - ein zweites Mal besiegen.Verloren hat Rau, das ist klar.Aber von dessen 46 Prozent könnte Kohl nur träumen.In Raus Nöten steckt ja eine Lehre für Kohl, der nun auch kein Modell für einen neugierigen Neuanfang ist, weit weniger populär und bald ähnlich lange im Amt. Was tun?Die CDU schwankt zwischen Kohl, Schäuble, Geißler und dem, wofür sie stehen.Die SPD wiederum schwankt zwischen der Linie Oskar Lafontaines, der eine stärker ökologisch orientierte Politik empfiehlt, und den Ratschlägen Gerhard Schröders, die auf eine Austeritätspolitik ohne Beispiel hinauslaufen.Die SPD wäre dann der nationale Sparkommissar, die Republik würde nach dem Muster des VW-Konzerns getrimmt, technologisch modern, effizient, marktorientiert.Aber läßt sich eine Gesellschaft so um modeln wie ein Konzern?Eher wohl nicht, vielleicht ahnt das Gerhard Schröder. Dazwischen Rudolf Scharping: Er hat seinen eigenen Weg noch nicht gefunden.Oder genauer, er ist der Prototyp des Politikers, der reagiert, sich einbettet und tragen läßt.Auch jetzt sieht es wieder so aus.Ein bißchen freundlicher gegenüber den Grünen, aber nichts wirklich Neues aus Lahnstein. Überhaupt ist ein Ende der Lethargie nicht in Sicht.In Bonn hängt das mit Kohl zusammen, in Düsseldorf wie bisher mit Rau.Auch die SPD-Enkel, die auf den Kanzler starren, sind letztlich Kohl-Kinder geworden, so wie die CDU-Riege in Düsseldorf zu Rau-Enkeln herangewachsen ist.Das lähmt.Bis die Wähler den Bann lösen. Wie auch immer: In den Wahlen steckt zunächst einmal die Aufforderung zu einem Generationenwechsel, aber noch mehr zu einem Denkwechsel.Die Grünen sind allerdings keine Wunderkinder.Wichtiger als ein rotgrünes Projekt zum Machtgewinn, das von Bonn nach Düsseldorf ausstrahlen könnte, bleibt, was es in der Sache bedeutet und ob daraus eine ökologisch ernstzunehmende Politik wird, die gleichwohl die neuen Klassendifferenzen der Republik nicht vergißt.