Sprechen ließ er sich nicht. Die Plattenfirma hatte nur ein Band mit Statements anzubieten, auf dem Robert Fripp mitteilt, was von King Crimson 95 zu halten sei: There is no nostalgia whatsoever involved in King Crimson. Keinerlei Nostalgie - sag das mal dem wohlbeleibten Publikum, das ins ausverkaufte Berliner Tempodrom-Zelt strömt. Dies Volk war schon gestern hier, zur Wiedervereinigung von Colosseum. Es tobte, brüllte bis zur Seligkeit, besoff sich an der Lava des Rhythm 'n' Blues und ist heute satt erpicht, die herbere Hälfte des retrospektiven Doppelpacks genauso zügig wegzuschlucken. Alter Wein . . . O Alter, wenn der Fripp "The Lizard" spielt, bababammbammbabamm, da haut's mir den Schrittmacher durch, da geh' ich voll in die Asche! - Nee, die spielen nur den neuen Mist.

Es gibt schöne und es gibt schaurige Revivals. Die Auferstehungen britischer Art-Rock-Bands tendieren zum letzteren. Wer dunnemals Yes und Emerson, Lake & Palmer liebte, fühlt sich in Anhörung ihrer jüngsten Platten zur Senilität überredet. Genesis: Wir schweigen längst. Pink Floyd: Wir schlummern. Aber Colosseum gestern waren wunderbar. Die Allman Brothers Band triumphierte 1994 beim zweiten Woodstock-Festival als Titanenorchester uramerikanischer Musik. Neil Young ist der König der Grunge-Kinder. Warum die einen und die andern nicht? Bescheidung bringt's. Dem Konservativen ist keine wilde Jugend versprochen, kein revolutionäres Fronterlebnis, aber ein langes Leben im Einverständnis mit dem Fluß der Zeit. Selbst Väter geworden, ernten die folksamen Zöglinge von Blues, Country & Soul jenen Respekt, den sie ehedem ihren Vätern bezeugten, und als Opis röhren sie vor andachtsvollem Publikum "Hillbilly Heaven" und "Sweet Sixteen". Sie standen immer in Geschichte, darum steht die Geschichte ihnen bei. Die Art-Rocker in ihrer Hybris wünschten selbst Geschichte zu gründen und schufen doch nur - Yes - "Mode for a Day": die Ewigkeiten der Saison, das gläserne Schloß auf dem Berge. Dann kamen die Punks und machten alles kaputt. So kommt es, wenn man die Wasser des Lebens seßhaft im Schloßteich sammeln will, statt zu reisen und zu rudern auf ihrem Strom.

King Crimson reisten. Die erste Platte von 1969 mit dem bis zum Bänderriß gedudelten Titelstück "The Court of the Crimson King" enthielt noch alle Ingredienzen des englischen Jugendstils. Greg Lake balladierte, zart umklampft, metaphorische Märchentexte hart an der Joringelgrenze. Es hupte die Kuckucksuhr, es schwoll das Mellotron, es erigierte sich die juvenile Seele. Crimson-Chef und -Gitarrist Fripp beließ es nicht bei Soundtracks jungen Suchertums und baute Band und Musik ständig um. Auf "Lark's Tongues in Aspic" (1973) spielte er Minimal music; "Starless and Bible Black" im Jahr darauf intonierte ein inniges Kammer-Gezirp aus Nachtangst und Erlösung; mit dem Live-Album "King Crimson USA" war 1975 der Death Metal erfunden - knapp hundert Jahre, bevor Metallica ihr dumpfes Rumpeln begannen. Anfang der achtziger Jahre bestanden King Crimson aus dem Ex-Talking-Heads-Gitarristen Adrian Belew, Ex-Yes-Schlagzeuger Bill Bruford, Tony Levin (Baß) und eben Fripp, der nun die sanftere Gemeinde mit drei schroffen, perkussiv vertrackten Gitarrenplatten verstörte. Nach "Three of a Perfect Pair" verschwand die Band. Fripp edierte fortan eklektische Experimente. - So, Alter, jetzt hol' ich uns erst mal zwo Bier.

Da geht's schon los, mit den brachialen Riffs von "U.S.A." Die Band agiert als Doppeltrio: zwei Schlagzeuge (Bruford und Pat Mastelotto), zwei Sticks (Levin und Trey Gunn), zwei Gitarren - Belew und Fripp, der, durch Plexiglas vor Schlagzeuglärm geschützt, autistisch im Eckchen sitzt und lenkt. Ja, wohin? Voll geradeaus. Wohl breiten Levin und Gunn schütter lyrisches Gewölk, wohl durchwebt Fripp ein paar kleine Gobelins mit den elegischen Legati, die er sich lange nicht erlaubte, meist aber donnert DER APPARAT als kalter Corpus technicus und knüppelt das Volk vors Haupt. Wer seitlich saß, der hörte gar nichts von der delikaten Staffelung der Drums, der darbte im Radau, der wartete und wartete auf weniger physische Phasen und gestand sich schließlich Langeweile.

Pflichtschuldigst brüllend bestand das Volk auf ZUGABE!!! Fripp spähte endlich, vorher nie, ins Publikum, die Hände als ein Fernglas um die Augen. Kein Lächeln. Obwohl der Warmblüter Belew ihn im gebremsten Überschwang ein bißchen knuddeln wollte. Dann standen wir ratlos bedonnert draußen. Was war das? War das gut?

Well, it's a soup, it's a Crimson soup, spricht Fripp vom rätselhaften Band. My own response to King Crimson is one of quiet terror . . . It's actually anarchic, there's no leader as such. Kein Chef? King Crimson war stets Robert Fripps Vehikel und mußte ihm folgen, wohin er es zerrte: immerzu nach vorn. Fripp wünscht, Avantgarde zu sein - dauernd, pausenlos; das ist sein Brunnen und sein Fluch. Fripps Platten sind von Ehrgeiz durchwaltet und forschen rastlos in das Unerhörte aus. Bloß hörten wir das Unerhörte allzu oft. Am meisten erstaunten im Konzert noch die kompromißlerischen Phasen, in denen Fripp die ratternde Eismaschine kurz pausieren ließ und Adrian Belew anhub, schmachtvoll "One Time" zu singen und was die neue Platte "Thrak" sonst noch enthält an Crimson-Softsongs.

Robert Fripp ist Art-Rocks konsequentester Geist. Keiner hat so oft mit solcher Eifersucht sich selber zeugen wollen. Doch auch ihn hat die Geschichte eingeholt, ihn umringt mit Zeitgenossen und Vergleichen und überhaupt gnädig dafür gesorgt, daß die Avantgardisten nicht mehr ins Ewige Eis wandern müssen. Fripp jedoch - begnadet, aber gnadenlos - pilgert unermüdlich nach Antarktika. Robert Fripp ist 1995 Robert Scott: Er erreicht den Südpol - nicht als erster. Denn er selber war schon mehrmals da.