Autonomie läßt sich nicht staatlich verordnen. Man kann sie auch nicht stückweise einführen, und sie wird sinnlos, wenn sie einzig das Ziel verfolgt, den Schulen immer weniger Geld zu noch sparsamerer Selbstverwaltung zuzuweisen. Der Staat sollte einzelnen Schulen bisher ungekannte Freiräume einräumen, damit sie sich zu autonomen Schulen erziehen und entwickeln können.

Die Ausgangslage ist schlecht. Die vielen vor sich hin alternden, resignierten Kollegien, die leidend ihre Ohnmacht genießen und dies für Politik halten - sie wurden zu einer Zeit gebildet, als jeder, wenn er nur den entsprechenden Abschluß hatte, ohne Rücksicht auf Leistung und Qualifikation in den öffentlichen Schuldienst übernommen wurde. Kein Wirtschaftsunternehmen und kein anderer Bereich der öffentlichen Verwaltung war bereit, die eigene Entwicklungsfähigkeit durch ungeeignete, den Anforderungen nicht gewachsene, das eigene Fehlverhalten tabuisierende Mitarbeiter auf Jahre zu lähmen. Ein ausgeklügeltes, von den Personalräten zu höchster Effizienz entwickeltes System von Regelungen schützt leistungsunwillige Lehrer. Sie können nicht einmal durch Versetzung auf alle Schulen gleichmäßig verteilt werden. Wissenschaftler bestätigen diesen Lehrern auch noch, daß ihr Beruf zu den härtesten, kräftezehrendsten gehört (es ist eigentlich eine Binsenweisheit, daß jemand unter einem Beruf leidet, für den er nicht geeignet ist). Nun gelten schlechte Lehrer auch noch als Opfer und tragen keine Verantwortung für die eigenen beruflichen Fehlentscheidungen. Manche konnten aus der Schule in die Kultusverwaltungen flüchten und beaufsichtigen nun die Schulen und formulieren Bildungspolitik.

Autonomie wird also nur von wenigen Schulen zu leisten sein.

Das ganze Debakel der Bildungspolitik wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Lehrer ihre Schüler zwar zu autonomen, verantwortungsbewußten, zu lebenslangem Lernen bereiten Persönlichkeiten erziehen sollen, selbst aber zur Autonomie nicht fähig sind. Autonomie bedeutet Selbstbestimmung für eine Schule. Sie muß sich ihr Profil erarbeiten, das in Unterrichtszielen und Methodik deutlich werden sollte. Dies kann aber nicht freischwebend im Raum geschehen. Die Abschlüsse, die gleichzeitig auch den Übergang in andere Schulen ermöglichen sollen, müssen klar definiert werden. Zentrale Abschlußprüfungen sind notwendig. Nur Teile der Prüfungen sollten von den Schulen zur Unterstreichung ihres Profils selbständig festgelegt und abgenommen werden: Beispielsweise können das Anfertigen einer künstlerischen Arbeit, das Erlernen eines Musikinstrumentes oder die Vorbereitung auf ein Berufsfeld nur von der jeweiligen Schule gewertet und geprüft werden. Eine zentrale Prüfung allerdings zwingt die Lehrer, ihre eigene Arbeit rechtzeitig selbst zu evaluieren. Sie gibt der Schulgemeinschaft ein Ziel vor, überläßt ihr dann aber den notwendigen Freiraum, um selbst zu entscheiden, wie der Unterricht organisiert werden soll: binnendifferenziert, jahrgangsübergreifend, in Form von Projektwochen und -tagen. Nur an den Übergangsstellen, nach der 6., 10. und der 12. oder 13. Klasse - das letztere sollten die Schulen frei entscheiden können -, sollten oder könnten in Noten gegossene Bewertungen und Dokumentationen des Erlernten erfolgen.

Autonomie heißt, den Einfluß von Parteien und Verbänden auf die Besetzung von Schulleiterstellen zurückzudrängen. (Leider hat der notwendige Kampf gegen das Fachidiotentum in Schule und Verwaltung vielfach nur zu einem sich immer besser etablierenden Parteibuchidiotentum geführt.) Die Schule sollte selbst über die Besetzung einer Schulleiterstelle - nach einer ordentlichen Ausschreibung - entscheiden können. Die Position des Schulleiters sollte zunächst auf Zeit und, nach einer Bewährung, auf Dauer besetzt werden. Die Schulaufsicht sollte in Zukunft einen Vorschlag der Schule, das heißt einer Vollversammlung aus Eltern, Lehrern und Schülern, nur aufgrund von sehr eng gefaßten Kriterien zurückweisen können. Die Position des Schulleiters muß sehr stark sein. Er ist Dienstvorgesetzter der Lehrer und muß Funktionen der Schulaufsicht übernehmen, die bisher "oben" wahrgenommen wurden: Beurteilung der Lehrer, Vorschläge für Beförderungen, Evaluation der Ausbildungsleistungen, Weiterbildung, Verhandlungen über das Budget mit Gemeinde und Ministerium und so weiter. Er trägt einen großen Teil der Verantwortung für die Schule und muß deshalb auch entscheiden können. Die Hochschulautonomie ist kein Vorbild. Sie hat uns eine vom Staat subventionierte, ineffiziente, jede Leistungskontrolle unterbindende, von Interessenverbänden beherrschte, wuchernde Selbstverwaltungsbürokratie geschaffen. Sie verhindert erfolgreich klare Entscheidungen und beeinträchtigt die Förderung der Leistungswilligen. Sie schützt aber Professoren erfolgreich, die ihre Pflichten vernachlässigen.

Lehrer und Eltern sollten über den Budgetvorschlag des Schulleiters, über Neueinstellungen oder Klassenfahrten entscheiden. Darin liegt doch das Problem vieler öffentlicher guter Schulen, daß sie nicht entscheiden dürfen, wer sie in Zukunft "verstärken" soll. Der Schule müssen von Gemeinden und Ministerien die entsprechenden Mittel für Lehrmittel, Gebäudereinigung, Reparaturen und dergleichen überwiesen werden. Über deren Verwendung bestimmt sie selbst. Sie kann Schwerpunkte setzen und sollte auch entscheiden können, ob auf eine Neueinstellung vorübergehend oder auf Dauer verzichtet werden kann, um das so freiwerdende Geld für Projekte oder notwendige Anschaffungen zu nutzen. Das wäre schon eine Revolution, wenn sich Lehrer dazu entschlössen, freiwillig mehr zu arbeiten, um mit den freiwerdenden Mitteln die Attraktivität ihrer Schule zu steigern. Schön, aber nicht zu verwirklichen wäre auch, wenn die Schule sich von ungeeigneten Lehrern trennen könnte. Dies ist in der freien Wirtschaft selbstverständlich: warum also nicht in einer autonomen Schule?

Natürlich braucht eine autonome Schule auch Hilfe. Sie benötigt Sachbearbeiter, um die Verwaltung vor Ort zu sichern. Die staatliche Verwaltung müßte entsprechend abspecken und Zuständigkeiten an die Schule oder bei kleinen Schulen an einen Schulverbund abgeben. Mehr Bürgernähe täte der Schulverwaltung gut.