Es ist keine gespielte Verzweiflung, die sich in Drago Kolics Augen und Handbewegungen ausdrückt. Der Verkaufsdirektor des Hotelkomplexes "Laguna Novigrad" ist bedrückt, besorgt und enttäuscht: "Wo bleiben nur die Deutschen?" Drago Kolic und alle seine Kollegen an Istriens Sonnenküsten beschwören die gute alte Zeit, als deutsche Urlauber zu Hunderttausenden kamen. Damals, vor dem Krieg, vor 1991, als die hoteleigenen Boutiquen und Bars, die Fischrestaurants, Tavernen und Souvenirläden florierten. Dafür nahm man auch das protzige Gehabe der Gäste in Kauf. Hauptsache, die Kasse stimmte. Kolic hätte auch die holländischen, belgischen, englischen und skandinavischen Touristen nennen können, die nun ebenfalls nicht mehr kommen. Aber die Deutschen sparten am wenigsten im Billigreiseland Jugoslawien und gaben für die Nebenkosten noch einmal soviel aus, wie sie für die Reise gezahlt hatten.

Es ist der Krieg, der die Reiselust der Deutschen dämpft. Ach ja, der Krieg, erwidert Drago Kolic, und das werden alle seine Kollegen, das werden kroatische Politiker in den nächsten Tagen stereotyp wiederholen, der Krieg ist doch weit weg. Der tobt in Bosnien, in der Enklave Bihac, in Sarajevo. Das sind Orte und Regionen, die Hunderte von Kilometern entfernt sind. Haben die Deutschen und ihre Medien denn keine geographischen Kenntnisse? In vier Jahren Krieg sei an Istriens Küsten kein einziger Schuß gefallen und kein Tourist zu Schaden gekommen. Und zeige nicht das jüngste Engagement der deutschen Veranstalter wie TUI oder NUR Touristic, die Istrien und die dalmatinische Nordküste 1995 wieder in ihren Katalogen aufgenommen haben, daß dem Frieden zu trauen sei? Die ADAC Reise hat der Region gar während der ganzen Zeit die Stange gehalten.

Einen Tag später, am 2. Mai, explodieren sechs Raketen im Zentrum der kroatischen Hauptstadt Zagreb, die etwa 400 Kilometer östlich von Istrien liegt. Schon eine Stunde nach den Explosionen und dem Tod in den Straßen von Zagreb hört Anton Weigand von der ADAC Reise das Echo darauf aus seiner Zentrale in München: Stornierungen. "Unsere Vorgaben für 1995, die Gästezahlen auf 16 000 zu verdoppeln", meint der Reisemanager, "können wir nach den Vorfällen von Zagreb vergessen." Am 3. Mai schlagen erneut Raketen in Zagreb ein. Und ihre Detonationen zerstören viele Hoffnungen.

"Dieser verdammte Krieg". Macan Jadranko hat resigniert. Vor neun Jahren hat er in seinem istrischen Heimatdorf Mandriol eine konoba, ein kleines Restaurant, hoch auf einem Hügel über der immergrünen Macchia gebaut. Nach zehn Jahren Matrosenlebens auf einem libanesischen Billigflaggenfrachter wollte Macan endgültig an Land gehen, heiraten und eine gesicherte Existenz aufbauen. Die Touristen, die an der nahe gelegenen Küste bei Fazana und Barbargia urlaubten, sollten diesen Traum verwirklichen helfen. Sie taten es. Bald sprach es sich bei Deutschen, Holländern und Österreichern herum, daß Macan die köstlichsten istrischen Gerichte anbot. Dann kam der Krieg. Schlagartig, sagt Macan, blieben die ausländischen Urlauber weg.

Tausende von Istriern, die vom Tourismus lebten, die Privatzimmer vermieteten, die ein Café oder ein Restaurant eröffnet hatten, spürten das ebenso wie Macan. Und sie wissen: Es hilft nur, wenn in ganz Exjugoslawien die Waffen schweigen. Dann, glauben sie, werden auch die Fremden in großer Zahl wiederkommen.

Friede. Von der Terrasse von Macans konoba schweift der Blick über die Macchia hinweg und übers dunstige Meer bis zu den Küstenlinien der Inselwelt von Brioni. Schön sind die stillen Abende hier, wenn die Dämmerung sich langsam heranstiehlt, die Zikaden schrill die Stille durchschneiden, die pfeilschnellen Rauch- und Mehlschwalben nach Insekten jagen und später die Fledermäuse in eckigem Flug ihre Beute machen. Es riecht nach dem Harz der Strandkiefern und wildem Dill, wenn der Wind von der Küste durch die Macchia streift und über die Hügel von Mandriol weht.

In den riesigen Hotels in den Zentren des Tourismus an der Küste richten sich jetzt die Urlauber, die trotz des Krieges nach Istrien gekommen sind, für den Abend her, bald werden sie durch die aus weißem Kalkstein gemauerten Altstädte von Umag, Novigrad, Porec, Vrsar, Rovinj oder Pula bummeln. Die Nacht wird gnädig den maroden Zustand der schönen Städte am Meer verdecken, wo einst die Römer siedelten und Amphitheater hinterließen, wo freskengeschmückte frühchristliche Kirchen entstanden, wo venezianische Eleganz bis heute ganze Straßenzüge veredelt und habsburgische Villen unter Pinienschirmen nostalgisch an die Seemacht Österreich erinnern.