Am 16. April versammelte sich ein etliche hundert Mann starkes Aufgebot auf einem öden Hochmoor im Norden Schottlands und gedachte des Jahres 45. Die Männer waren in grün- und braunkariertes Tuch aus rauhem Schaftweed gehüllt und trugen blauviolette Baskenmützen auf dem Kopf. Ihre Fahnen mit dem weißblauen, schottischen Schrägkreuz hingen schlaff unter einem wie von Constable gemalten Himmel im Nieselregen. Über dem Moor lag "steinkaltes Schweigen", so beschrieb der Reporter der Edinburgher Tageszeitung The Scotsman die Szene.

Das Ereignis, um das es hier ging, hatte nichts mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu tun. Bei der Zahl 45 denken die meisten Schotten an die fernere Vergangenheit. "The Fortyfive", die jakobinische Rebellion des "jungen Prätendenten" Charles Edward Stuart 1745, wird bis heute als bislang letzter Akt der Selbstbehauptung gegen den "Verrat von 1707", die Vereinigung des schottischen mit dem englischen Parlament in Westminster, verklärt. Die Welt feiert den Sieg über Nazi-Deutschland. Schottland gedenkt ein Jahr lang des in der Schlacht von Culloden niedergeschlagenen Aufstandes gegen das "niederträchtige England".

Eine Posse am Rande Europas? Der britische Premierminister John Major ist anderer Ansicht. Im vergangenen Winter startete er eine Kampagne gegen das neue schottische Pochen auf nationale Selbstbestimmung. "Wir haben es mit einem der gefährlichsten Vorhaben zu tun, mit dem die britische Nation sich je auseinanderzusetzen hatte", erklärte Major am Silvestertag in einem langen Radiointerview. Am 20. Januar beschwor er in der Scottish Daily Mail den drohenden Zerfall des Vereinigten Königreichs. Am 24. Februar hielt er in Glasgow eine programmatische Rede über "drei Dinge, die mir besonders wichtig erscheinen". An erster Stelle Frieden in Nordirland, an zweiter Stelle "Schottland als bleibender Bestandteil der Union" - noch vor der "Sicherung langfristiger, wirtschaftlicher Stabilität".

Vergebliche Liebesmüh. Bei den Neuwahlen schottischer Bezirksparlamente im April ging ein Drittel der Stimmen an Kandidaten der Nationalistenpartei SNP, der Scottish National Party. Die in London regierenden Konservativen wurden aus der schottischen Politik praktisch eliminiert. Im Mai taten es die Waliser den Schotten bei ihren Kommunalwahlen nach. Jetzt gibt es die Konservativen eigentlich nur noch als englische, nicht mehr als britische Partei. Lord Cockfield, ein ehemaliges Mitglied der Europäischen Kommission, eröffnete eine Sitzung des Oberhauses mit den dramatischen Worten: "Das Königreich bricht vor unseren Augen in Stücke!"

Wird das Undenkbare denkbar? Reißt die über Europa hinfahrende Flut nationalistischen Erwachens einen der ältesten und stabilsten Staaten entzwei - ein Jugoslawien im Westen?

Großbritannien, so die Definition in der American People's Encyclopedia, sei das "Zentrum eines Commonwealth und Symbol für Zivilisation und Tradition".

Wenn ein Engländer "Großbritannien" sagt, meint er in der Tat etwas, das groß und erhaben ist wie ein Sommerhimmel. Wenn er aber Großbritannien meint, also die drei auf der größeren der Britischen Inseln zusammenlebenden Nationen England, Schottland und Wales, sagt er schlicht: "England". Diese Terminologie ging in den internationalen Sprachgebrauch ein.