Die wirksamsten medizinischen Instrumente schienen der Regierung von Zaire Maschinengewehre und Megaphone zu sein. Während Soldaten versuchten, die Stadt Kikwit wirksam abzuriegeln, fuhren Katastrophenteams der Weltgesundheitsbehörde WHO und des Roten Kreuzes auf Jeeps umher, um über Lautsprecher die Bevölkerung zu beruhigen und eine Panik zu verhindern. Gleich nachdem bekanntgeworden war, daß in der zentralafrikanischen Stadt die unbeherrschbare Ebola-Seuche ausgebrochen sei, war Flucht die erste Regung gewesen: Gesunde enterten Lastwagen, die sie aus der Stadt bringen sollten, Infizierte flohen aus dem Hospital, um die Nähe von Angehörigen zu suchen. Das Ergebnis waren Chaos und Furcht.

Der Gouverneur der Hauptstadt Kinshasa, Bernadin Mungul Diaka, räumte ein: "Soldaten haben Schmiergeld genommen, um Leute durch die Sperren zu lassen. Wir ersetzen die Truppen, welche die Fernstraße A 1 nach Kinshasa abriegeln, jetzt durch das Elitebataillon Matete."

Das Ebola-Virus hatte sich nach und nach von Kikwit aus in weitere Regionen des Landes aufgemacht, auch in Richtung Hauptstadt, in der zwei Millionen Menschen unter desolaten Hygienebedingungen leben und einen idealen Nährboden für eine Seuchenkatastrophe bieten. Als WHO-Experten die Übersicht über die Lage hatten, mußten sie deshalb nicht nur in Kikwit selbst 77 Ebola-Tote registrieren, auch aus den Städten Kenge, Mosango und Yassa Bonga, bis zu 200 Kilometer entfernt, wurden erste Ebola-Verdachtsfälle gemeldet. Die Strecke zwischen dem Seuchenherd und der 600 Kilometer westlich gelegenen Hauptstadt hatte das Virus Anfang dieser Woche schon geschafft. Zwei Fälle wurden gemeldet.

Den Experten blieb zunächst wenig mehr, als zu beruhigen. Zwar sei die Epidemie noch nicht unter Kontrolle, gab WHO-Sprecher Thomson Prentice am Montag bekannt. Doch der Hauptstadt Kinshasa drohe keine Gefahr, und Europa schon gar nicht: "Die Ebola-Kranken sterben zu schnell, als daß sie eine größere Zahl von Menschen anstecken könnten." Gemessen an der Zahl der Menschen, die in Afrika alltäglich an gewöhnlichen Durchfallerkrankungen, an Ruhr, Typhus und Malaria dahinsiechen, war zur Panik in Kikwit tatsächlich kein Anlaß. Erst die weltweite Aufregung über den seltsamen Erreger alarmierte die Afrikaner. Maschinengewehre und Megaphone mußten her, weil die heimgesuchte Bevölkerung im verarmten Zaire auf Arzneien und Injektionen, auf die Hilfe der Mediziner nicht bauen kann. 1,50 Mark gibt der Staat pro Kopf im Jahr für medizinische Versorgung aus. Das Krankenhaus von Kikwit selbst war die Quelle der Epidemie. Unhaltbare Hygienezustände haben ihren Ausbruch ermöglicht: Dutzende von Patienten werden mit ein und derselben Spritze behandelt. Ahnungslose Ärzte kurierten an einer vermeintlichen Durchfallerkrankung. Und so

traf Ebola die Schwestern, Pfleger und Ärzte zuerst. Zwei Drittel der Toten gehörte zum Krankenhauspersonal.

Der Erreger verteilte sich im 350-Betten-Spital über die Stationen. Italienische Ordensschwestern infizierten sich bei der aufopferungsvollen Pflege. Für zwei von ihnen kam der rasche Rücktransport nach Italien zu spät. Sie erlagen dem Virus - und brachten die Aufmerksamkeit für die Seuche in Zaire nach Europa. Täglich wurde seither der kilometerweise Geländegewinn des Ebola-Virus im fernen Afrika von den Menschen in der Ersten Welt mit Spannung verfolgt.

Das jähe Interesse in Europa und den USA verdankt der Ebola-Ausbruch einem Film. In den Kinos läuft gerade der Streifen "Outbreak" - ein Killervirus, dem Ebola-Virus nachempfunden, wird über einen exportierten Affen nach Kalifornien eingeschleppt, droht, eine ganze Stadt und am Ende die Vereinigten Staaten zu vernichten. Der Science-fiction-Streifen spekuliert auf das ewige Schuldgefühl der Kolonisatoren gegenüber dem ausgebeuteten Afrika, er spielt mit der Furcht der Zivilisation vor Rache aus dem unbeherrschten Herzen der Finsternis - welche Viren, welche unbekannten Seuchen mögen noch in den brodelnden Tiefen der Dschungel lauern, bereit zum Sprung auf andere Kontinente? Ist Ebola schon unter uns? Ist der Film schon von der Wirklichkeit eingeholt?