Tokio

Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurfte, daß Japan in diesen Tagen seinem Ruf als das "sicherste Land der Welt" kaum mehr gerecht wird, dann lieferte ihn der Postbote am Dienstag abend dieser Woche im Büro des Gouverneurs von Tokio, Yukio Aoshima. Der Gouverneur hatte zwar für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gesorgt, weil er einen Tag zuvor die völlige Auflösung der Sekte Aum Shinrikyo (Erhabene Wahrheit) angekündigt hatte. Doch was nützte das seinem Sekretär, der im siebten Stock des neuen Tokioter Rathauses ahnungslos das gerade vom Postboten ausgehändigte Paket aufschnürte? Die Paketbombe detonierte, riß dem Sekretär einen Finger ab und machte die Hoffnung der Regierung zunichte, nach der Verhaftung des Sektenführers endlich wieder ein Sicherheitsgefühl herzustellen.

Um 05.29 Uhr am Dienstag morgen hatte der Showdown zwischen Staat und Aum-Sekte begonnen. 2000 Polizisten stürmten den mutmaßlichen Aufenthaltsort des Sektenführers Shoko Asahara - und fanden den Guru erst vier Stunden später in einer hinter Metallwänden versteckten Geheimkammer des Gebäudes Nr. 6 im Sektendorf. Auf der Fahrt zum Tokioter Polizeihauptquartier entluden sich die Emotionen - ungewöhnlich in einem Land, in dem die Religionen fast nie die Menschen entzweien.

An diesem Morgen aber setzte sich in Kamikuishiki ein moderner Kreuzzug in Bewegung, wie ihn Japan noch nicht erlebt hat. Die große Prozession ließ niemanden unberührt. Plötzlich war das Böse greifbar geworden - verkörpert in der Person des rosa gewandeten Gurus Shoko Asahara, dessen Terrorgruppe das Land seit den tödlichen Giftgasanschlägen in der Tokioter U-Bahn im März in Schrecken versetzt hatte. Auf den in der Wahl seiner Opfer ziellosen Sektenterror folgte nun die Demonstration massiver Staatsgewalt. Hunderte von Polizisten standen Spalier, als der Hauptverdächtige für die Anschläge abgeführt wurde. Es fehlten nur die Steinewerfer, um Asaharas Prophezeiung, daß er eines Tages wie Jesus eines gewaltsamen Todes sterben werde, in Erfüllung gehen zu lassen.

Gleichzeitig entfaltete sich ein gnadenloses Medienspektakel, wie es die Japaner mit ihrer selbst auf dem Bildschirm gepflegten Zurückhaltung bislang nicht kannten. Auf Motorrädern und mit Hubschraubern begleiteten die japanischen Fernsehkameras den Gefangenenzug bis an sein Ziel in Tokio. Von den Bildern der Live-Übertragungen angezogen, versammelten sich viele Bürger am Rande der Wegstrecke, um den Polizisten zuzuwinken, die einen gewissen Stolz nicht verhehlten. Derweil machte sich im ganzen Land - durchaus verfrüht - Erleichterung breit: Wieder einmal schien Japans Polizei die Gefahren besiegt zu haben.

Vergessen war die vorausgegangene Kritik der Medien, die Behörden hätten zu zögerlich auf die Giftgasattacken reagiert. Nach zwei Monaten ständiger Angst vor dem nächsten Giftanschlag zeigten auch die Benutzer der U-Bahnstation Kasumigaseki im Tokioter Regierungsviertel Erleichterung - dort waren im März zwölf Menschen an den Folgen der Gasvergiftung gestorben; 5500 Menschen trugen Verletzungen davon. "Ich werde heute ohne Angst nach Hause fahren", seufzte ein Beamter des Postministeriums. Der Bahnvorsteher der Station, der einen Kollegen bei dem Attentat verloren hatte, sagte mit einer Spur von Feierlichkeit: "Wir werden unserem verlorenen Freund heute mitteilen, daß sein Mörder gestellt wurde."

Nach Angaben der Polizei wurde Shoko Asahara verhaftet, als er gerade meditierte, vermutlich das letzte Mal in Freiheit. Niemand bezweifelt, daß ihn die Todesstrafe erwartet. Noch bestreitet er alle Vorwürfe. Vermutlich wird er fragen: "Wie kann ein Blinder solche Taten begehen?" Denn Shizuo Matsumoto, so der richtige Name des Gurus, hatte einst die Blindenschule besucht.