Wer in Südafrika gegen das System der Apartheid war - nicht nur "anti" war, sondern wirklich dagegen kämpfte -, der mußte schon ein Held sein. Beyers Naudé, der in diesen Tagen achtzig Jahre alt geworden ist, war ein Held und ein Märtyrer, aber er hat sich nie so gebärdet; ihn zeichnen Ruhe und Gelassenheit aus, eine große innere Freiheit und Humor. Er war zwar stets ein Rebell, ist aber zugleich ein fröhlicher Christ, der alles Leid ertrug und dabei immer noch anderen zu tragen half.

Seine Leiden? Die Kirche stellte Beyers Naudé als Verräter, als Abtrünnigen an den Pranger, und als er 1963 die Leitung des neu gegründeten Christlichen Instituts übernahm, das Schwarze und Weiße vereinte, entzog sie ihm sein Predigeramt. Die Regierung hielt ihn für den Staatsfeind Nummer eins, für einen Kommunistenfreund, und bannte ihn: Sieben Jahre lang hatte Beyers Naudé Hausarrest, durfte nicht öffentlich auftreten, sein Name durfte nicht genannt werden; man konnte ihn zwar besuchen, aber er durfte nie mit mehr als einer Person zusammensein. Manche Freunde verließen in jener Zeit den Renegaten - auch seine Schwester hat ihn verstoßen. Beyers Naudé war isolierter als Sacharow, mit dem er durchaus zu vergleichen ist. Beyers Naudé war wahrlich nicht zum Märtyrer geboren. Er stammte aus einer patriotischen, religiösen Burenfamilie, die nie die leisesten Zweifel an der Gottgefälligkeit des Apartheidsystems hegte. Sein Vater hatte die Geheimorganisation Bruderbund mitbegründet, die nach eigener Vorstellung den intellektuellen Kern der Apartheidlehre bildete. 1940 trat auch Beyers dem Bruderbund bei. Er wurde, wie sein Vater, Pfarrer in der Niederländisch-Reformierten Kirche - der einzigen in der Welt, die die Rassendiskriminierung nicht nur anerkannte, sondern auch theologisch begründete.

Ich fragte Beyers einmal: "Konnte man das alles wirklich glauben?" Seine Antwort: "Du mußt dir vorstellen, ich hatte doch in der Schule, in der Kirche, auf der Universität, sogar an der theologischen Fakultät gelernt, daß die Apartheid biblisch begründet ist. Zweifel daran kamen erst später." Sie kamen wohl nach dem Massaker von Sharpeville 1960, als die Polizei eine friedliche Demonstration der Schwarzen unter Feuer nahm und am Ende 69 Tote auf dem Platz lagen. Damals bekannte sich Beyers offiziell vor der Synode als Gegner der Apartheid.

Der lange Kampf gegen das System hat mit der berühmten Rede de Klerks im Januar 1990 eine Wende erfahren. Der Präsident hob das Verbot von Naudés Institut auf und verfügte die Freilassung Mandelas. Später saß Beyers Naudé dann bei den entscheidenden Verhandlungen als einziger Weißer in der Delegation des ANC.

Als er 1963, nach Ausschluß durch die Kirche, die Abschiedspredigt vor seiner Gemeinde hielt, hatte er ein Wort aus der Apostelgeschichte gewählt: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Die über dreißig Jahre, die inzwischen vergangen sind, haben seine Entscheidung, dem Gewissen zu folgen und nicht der kirchlichen Autorität, reichlich belohnt.