UTRECHT. - Zweiter Weltkrieg, Besatzung, Judenverfolgung und Neonazismus in der Bundesrepublik. Das waren die Themen, die junge Niederländer vor zehn Jahren in einem Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker anschnitten. Nicht das gegenwärtige Deutschland, sondern das Deutschland von 1933 bis 1945 färbte ihr Bild vom östlichen Nachbarn.

Im Frühjahr 1993 veröffentlichte das niederländische Institut für internationale Beziehungen Clingendael eine unter Fünfzehnbis Neunzehnjährigen durchgeführte Umfrage zu ihrem Deutschland- und Deutschenbild. Trotz Kritik an Zeitpunkt (Rostock, Mölln) und Methoden der Untersuchung war an den Ergebnissen wenig zu rütteln. Viele junge Niederländer meinten, die Deutschen seien Kriegstreiber, Deutschland wolle die Welt erobern, und im Vergleich zu anderen europäischen Völkern wurden die Deutschen als am wenigsten sympathisch eingestuft.

Sind die Niederlande antideutsch? Kann sogar von Deutschenhaß gesprochen werden, wie seit 1993 in manchen deutschen Zeitungen zu lesen ist? Prägt die Besatzungszeit (1940 bis 1945) tatsächlich noch immer den niederländischen Blick über die Ostgrenze?

Sicherlich ist die Bedeutung dieses Traumas auch nach fünfzig Jahren nicht zu unterschätzen. Es ist sogar eine gewisse Kultivierung der Besatzungszeit festzustellen. Obwohl der Mythos des massiven Widerstandes gegen die Besatzungsmacht schon längst durchbrochen wurde, spielt er im öffentlichen Bewußtsein noch eine Rolle. Die vermeintliche eigene Heldenrolle von damals führt noch immer zu einem vereinfachten Schwarzweißbild von "guten" Holländern und "bösen" Deutschen.

Andererseits sollte die Bedeutung der Besatzungszeit für das niederländische Deutschlandbild nicht überbewertet werden. Der niederländische Kommentator Jerome Heldring hat einmal festgestellt, daß "das Verhältnis eines kleinen Volkes einem großen Nachbarvolk gegenüber immer psychologisch belastet ist - auf seiten des kleinen Volkes, wohlgemerkt". In diesem Gegensatz zwischen klein und groß liegt der eigentliche Schlüssel zur Erklärung des (über)empfindlich reagierenden niederländischen Seismographen Deutschland gegenüber. Den anderen großen Nachbarn, die Nordsee, haben die Niederlande allmählich mit hohen Deichen in den Griff bekommen. Deutschland gegenüber haben die Niederländer jedoch keine Deiche, sondern eine niedrige "Schmerzgrenze". Sie darf man aber nicht mit einer pauschal antideutschen Stimmung gleichsetzen.

Gerade weil die Niederlande sich in vieler Hinsicht abhängig von Deutschland fühlen, es viele gemeinsame Interessen und auch viele Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Niederländern gibt, kurz: weil die Niederlande durch tausend Fäden mit Deutschland verbunden sind, herrscht auf niederländischer Seite das dringende Bedürfnis, den Deutschen zu zeigen, daß man nicht als das siebzehnte Bundesland verstanden werden möchte, sondern als eigenständige Nation. Diese Haltung ist nicht antideutsch, sondern gehört zum normalen Spannungsverhältnis zwischen einem kleinen Land, das sich manchmal Sorgen über seine Selbständigkeit und Identität macht, und einem großen Nachbarn mit einem erheblichen politischen und wirtschaftlichen Gewicht.

Derartige Spannungen sind auch nichts Neues in den niederländischdeutschen Beziehungen. Spätestens seit der Gründung des Kaiserreiches 1871 ist von einem gespaltenen Verhältnis gegenüber Deutschland die Rede. Einerseits wirkten sich die intensiven wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen sehr positiv aus für die Niederlande. Andererseits fürchteten viele Niederländer, daß diese deutsche Ausstrahlung zu einer Verringerung der eigenen Selbständigkeit und zu einem zu großen Einfluß des östlichen Nachbarn führen könnte.