Ein Wahlsonntag, zwei Wahlergebnisse: Schon wächst die Erwartung, spätestens in drei Jahren werde die Wende zu einer anderen Politik möglich, die mehr wäre als alte innenpolitische Mutlosigkeit und neuer außenpolitischer Triumphalismus.So schnell kann aus Langeweile und Überdruß neues Interesse sprießen. Die Wahlergebnisse im größten und im kleinsten Bundesland bewegen die politische Phantasie wie lange keine Wahl mehr und bringen ungewohntes Leben in die spannungslose Szene.Konsequenzen hat dieser Sonntag nicht nur für die Sozialdemokraten und die Grünen, auf die sich jetzt alle Augen richten, sondern auch für die CDU.Sie wäre in Bremen fast stärkste Partei geworden, an Rhein und Ruhr gewann sie einen Prozentpunkt dazu.Insofern zählt sie zu den Gewinnern.Aber wäre das alles, was die Union aus der Doppelwahl lernt?Die ersten internen Debatten lassen darauf schließen, daß Helmut Kohl zu viel Grübeln für abträglich hält, erst recht zu viel Diskussion.Wozu denn auch: Die Union hatte keine Verluste, na bitte, was will einer mehr? Der Kanzler tut so, als ginge ihn das Debakel der FDP gar nichts an.Die Art, wie er den Kopf in den Sand steckt, ist schon ein bißchen komisch.Offenbar meint Kohl ernsthaft, CDU und CSU könnten nach dem Abgang der FDP eine eigene absolute Mehrheit der Sitze im Bundestag erreichen.Das ist eine kühne Vision für eine Partei, die nur in zwei Bundesländern allein regiert und die - zur Erinnerung - 1994 mit 41,4 Prozent ihr bisher schlechtestes Ergebnis seit 1949 erzielte.Kohls Mehrheit ist so kna pp, daß die Koalition - fast ist das schon vergessen - es trotz aller Berlin-Begeisterung nicht wagte, den Kanzler im Reichstag zu wählen.Die Stadt ohne Sperrstunde war der Union zu gefährlich. Groß ist, wie nach fast jeder Wahl, wieder die Not der FDP.Kaum fehlt Koalitionswählern die Möglichkeit, ihr Votum auf Erst- und Zweitstimme zu verteilen, wie bei der Bundestagswahl und in Hessen, schon droht das Ende.Nun ist die FDP nur noch in fünf von elf Landesparlamenten vertreten; aus dem Europaparlament wurde sie im vergangenen Sommer abgewählt.Ihre kommunale Basis ist radikal geschrumpft, auf dem flachen Land gibt es die Partei, die in Bonn seit 1969 mitregiert, praktisch nicht mehr.Inzw ischen erscheint das abgenutzte Varietébild von der FDP als "Dame ohne Unterleib" fast geschönt, auch ihr Rumpf schrumpft.Der Liberalismus, der als Idee in Deutschland schon bessere Zeiten gesehen hat, ist jedenfalls als Partei im Begriff, aus der po litischen Kultur hinwegzubleichen. Das ist hart, aber ist es ungerecht? Wer ist denn heute noch die FDP außer ein paar Amts- und Mandatsträgern?Wo findet in diesem Machtbeteiligungsverein noch demokratische Willensbildung von unten nach oben statt?Klaus Kinkel, der Vorsitzende, ist an dem Niedergang seiner Partei nicht allein schuld.Ohne Schuld ist er aber schon gar nicht.Wenig geht aus von ihm: keine Impulse, keine Ideen, keine Inspiration.Sein politisches Profil hat er im Justizministerium zurückgelassen.Im Außenamt scheint er es nicht zu vermissen.Eine bittere Laufbahn: Nach Genschers beinahe fluchtartigem, vielleicht hellsichtigem Abgang vor drei Jahren durfte Kinkel sich ein paar Monate als Hoffnungsträger seiner Partei fühlen.Nun ist er ein Teil ihres Problems.Daß er meinte, der Vorsitzende müsse zugle ich Außenminister sein, war eine folgenschwere Fehleinschätzung - nicht nur seine übrigens.In beiden Ämtern blieb er hinter den Erwartungen zurück, schlimmer noch: Er wirkt wie ein Erfüllungsgehilfe des Bundeskanzlers, der ihm die Feder führt.Wie so ll dieser Klaus Kinkel, der Angst vor dem weißen Schal des Dalai Lama hat, die FDP noch einmal zum ernstzunehmenden Machtfaktor machen? Woher kommt nun die Veränderungserwartung, die viele an dieses Wahlergebnis knüpfen?Schließlich sind die Sozialdemokraten zunächst gleichfalls Verlierer.Die absolute Mehrheit in Nordrhein-Westfalen ist dahin, der zweite Absturz innerhalb von vier Jahren in der einstigen Hochburg Bremen, wo die SPD zum ersten Mal eine Parteiabspaltung am rechten Rand erlebte, schmerzt sehr.Und dennoch: Der Tritt, den die Wähler der SPD gegeben haben, ist, um mit einem führenden Sozialdemokraten zu sprechen, "ein Tritt in die richtige Richtung".Denn in dem großen Bundesland, das nach Fläche, Einwohnerzahl und Sozialprodukt größer ist als viele EU-Mitgliedsstaaten, steht nun ein Bündnis mit den eigentlichen Wahlsiegern, den Grünen, auf dem Programm.Wo zu der SPD lange der Mut fehlte, dazu wird sie nun gezwungen.Ein schwieriges Bündnis wird das werden, eine Koalition auf Bewährung, auch ein Modell für eine gesellschaftspolitische Alternative und damit in der Perspektive eine Probe für Bonn. Johannes Rau, der dieses Bündnis nicht wollte, soll es möglich machen.Die Idee leuchtet ein: "Bruder Johannes" ist rotgrünen Neigungen unverdächtig.Aber braucht die SPD diese Tricks noch?Ehrlicher wäre es, Rau machte, wie er es vorhatte, reinen Tisch.Für das neue Projekt kann er dem Nachfolger, wer immer es in Düsseldorf wäre, auch als populärer Exlandesvater Geleitschutz geben. Für unsere Demokratie wäre es gut, wenn dieses Bündnis zustande käme und auch funktionierte.Es würde neue politische Dimensionen eröffnen.Die politische Debatte im Land muß sich endlich befreien von den künstlichen Tabuisierungen und Berührungsverboten, mit denen die Partei der Ökologen, Pazifisten und Bürgerrechtler seit ihrem ersten Auftritt vor mehr als einem Jahrzehnt umstellt wird.Auch die Grünen brauchen die Chance und den Zwang, sich in einer großen europäi schen Industrieregion in der politischen Verantwortung zu bewähren. Man wird sie unweigerlich auch auf ihre Parteiprogramme und die Kompromißfähigkeit einiger darin enthaltener Punkte befragen müssen, auch auf die Berechenbarkeit und den Realitätssinn ihrer politischen Gremien.Die Skepsis gegenüber der außenpolitischen Handlungsfähigkeit einer Bundesregierung, die von Basisbeschlüssen der Grünen abhängig wäre, ist begründet.Nicht von ungefähr werden bei den Grünen selbst die Forderungen nach einer Programmreform - einem "Godesberg" - lauter.Zeigen müssen sie auch, ob sie mit den Problemen der Politik personell nicht mindestens so überfordert sind wie die vielgeschmähten Altparteien. Die Sozialdemokraten brauchen Mut.Sie müssen in dieses Bündnis als politische Gestalter gehen, die ihren Partner und dessen Wähler ernst nehmen.Verstünden sie sich lediglich als politische Gouvernante einer Gruppe exotischer Sonderlinge - eine in der SPD gegenüber den Grünen immer noch verbreitete Haltung -, wäre der Versuch zum Scheitern verurteilt.Die Perspektive einer neuen Politik und die Hoffnung auf das Ende der herrschenden Stagnation, kurzum die Chance des Machtwechsels, rückte dann wied er in die schon gewohnte Ferne. Zum selben Thema siehe auch Seiten 4 und 5 Gunter Hofmann: Die Lethargie nimmt kein Ende Interview mit Ralf Fücks: "Die SPD muß sich entscheiden"