Die Macht kennt er wie kein anderer und damit auch ihre Metamorphosen, ihre Launen, Listen, Lügen. Vierzehn Jahre regierte François Mitterrand sein Land. So lange ließen die Franzosen sonst nur Könige und den selbsternannten Kaiser Napoleon III. gewähren. Ein halbes Jahrhundert hindurch faszinierte den heute 78jährigen Mann mit dem Cäsarenprofil nichts so sehr wie die Politik, die politique politicienne der Personen und Parteiungen. Mit Bewunderung vergelten ihm heute die einen diese beispiellose Karriere und verneigen sich vor Geschick und Geduld; voller Verachtung betrachten andere seinen verschlungenen Weg von Vichy bis Maastricht. Und die Gleichgültigen, gab es sie überhaupt noch an diesem Tag, da der alte Mann dem Elysée den Rücken kehrte?

Die Macht wollte François Mitterrand. Was aber wollte er mit der Macht? Zunächst einmal beweisen, daß auch die Linke dieses Frankreich regieren könne, das sich 1789 über linke Jakobiner und Sansculottes zutiefst erschrocken hatte, fortan die Geschäfte lieber den Rechten anvertraute und von den Linken nur schöne Gedanken zu erwarten schien. Die Monate unter Pierre Mendès-France Mitte der fünfziger Jahre, die wenigen Wochen während der Libération oder die Volksfront Léon Blums 1936, das waren in den Augen des Ehrgeizigen nur Episoden, zu kurz, um den Zukurzgekommenen der drei Republiken Satisfaktion zu verschaffen. Und heute? Die Kommunistische Partei wurde mehr als halbiert, die Sozialistische Partei erst modernisiert und dann durch Zwist und Skandale marginalisiert. Gewonnen hat unter Mitterrand vor allem die rechtsextreme Front national. Das war der Preis des Triumphs.

Gewählt wurde an jenem 10. Mai 1981 François Mitterrand von über fünfzehn Millionen seiner Landsleute aber nicht, weil diese eine Art historische Gerechtigkeit üben wollten. Der Führer der Linken hatte ihnen einfach ein Glück im Winkel verheißen, das sich in seinem Wahlprogramm, mehr noch aber auf seinem Wahlplakat verriet. Im milden Abendlicht schimmerte hinter der Schulter des Kandidaten eine romanische Kirche, Ikone des ländlichen Frankreich, der France profonde. Das Alte sollte das Neue sein, der Wohlfahrtsstaat den Stürmen der reaganomics und des thatcherism trotzen. Arbeit für alle und weniger Arbeit für viele, das waren die lockenden Versprechen des François Mitterrand: eine 39-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, 5 Wochen Urlaub, Mitspracherechte in den Betrieben. Die Verstaatlichung von 9 Konzernen und 39 Banken sollte dem Staat die Waffen liefern, um im internationalen Wettbewerb diese "Errungenschaften" zu verteidigen und das Land von Grund auf zu modernisieren. Der Weltmarkt erschien Mitterrand und seinen Genossen - ja, das Wort wurde damals noch in vollem Brustton gesprochen - als Feind und der Staat als Glücksgarant. Im schönen Mai wählten die Franzosen nicht nur ihren ersten linken Präsidenten der V. Republik, sie wählten genau wie François Mitterrand eine Illusion. Die Bilanz ist ernüchternd: Die Arbeitslosigkeit stieg von gut 7 auf über 12 Prozent, dafür wurde die Inflation von fast 14 auf 1,6 Prozent gedrückt, die Realeinkommen sanken, die Staatsverschuldung wuchs - und auch das Privatvermögen.

Allein gegen alle versuchte Frankreich damals sein Glück. Als nach 1982 die Wähler und Gewählten Ernüchterung befiel, mußte der Präsident sich entscheiden: für eine "andere Politik" mit einer weiteren Abwertung und einem Abschied vom Europäischen Währungssystem; oder für eine rigide Sparpolitik, die sich am stärksten Partner, der Bundesrepublik, maß. Mitterrand wählte Europa, gegen den Druck der Kommunisten und vieler seiner Parteifreunde. Die Europäische Einheitsakte von 1985, auch der Vertrag von Maastricht wären ohne dieses Erwachen aus einer Illusion kaum vorstellbar.

François Mitterrand machte diese Politik nicht aus freien Stücken. Gewiß, seine europäischen Überzeugungen lassen sich bis in die frühe Nachkriegszeit zurückverfolgen. Doch welches Europa sollte es sein? Ein Kontinent der Freiheit und des Friedens, wie es oft heißt: aber mit welchen Konturen? Formen sollten diese nicht unruhige Völker, sondern gelassene Politiker. Zeitlebens wußte Mitterrand mit sozialen Bewegungen wenig anzufangen, sah sich, sofern er sie überhaupt verstand, von ihnen eher zur politischen Reaktion gezwungen. Beim Pariser Mai 68 mit seinem Generalstreik stand dieser Linke abseits, schon die Demonstrationen gegen den Algerienkrieg waren ihm fremd geblieben. Als Präsident tat er 1984 anfangs den Protestmarsch für die Privatschulen einfach ab, sah darin nur eine Fünfte Kolonne der rechten Opposition.

Vor allem aber verpaßte und verpatzte er 1989 das einzige Rendezvous mit der Geschichte, das ihm seine lange Amtszeit bot. Im Dezember des Epochenjahres konnte er sich auf seiner ersten und letzten Reise in die DDR einen Gang durch das eben geöffnete Brandenburger Tor partout nicht vorstellen. Ein halbes Jahr später suchte er Michail Gorbatschow in Kiew zu überreden, die deutsche Unruhe unter Kuratel zu stellen. Ein Metternich Mitteleuropas wollte er sein; ein Mittler wenigstens hätte er werden können. Die Polen oder Tschechen baten darum, wollten mit dem vereinten Deutschland nicht ganz allein bleiben. Heute klagen Lech Walesa wie Václav Havel über dieses Frankreich, das sie im Stich gelassen habe.

So erfüllte François Mitterrand im neuen Europa seine Rolle schlecht. Daß Frankreich zugleich an Einfluß im Nahen Osten, im Herzen Afrikas, rund ums Mittelmeer einbüßte und die spektakulären Besuche eines Jaruzelski, Arafat oder Fidel Castro im Elysée-Palast keinen Glanz für verlorene Größe brachten, spürten auch die Franzosen. Außenpolitik ist domaine réservé des Staatschefs, an diese Auslegung der Verfassung hielten sich auch die konservativen Premierminister Jacques Chirac und Edouard Balladur, mit denen Mitterrand zweimal, von 1986 bis 1988 und dann nach 1993, seine Macht teilen mußte. Über den affaires étrangères lag oft ein Zug des Kompensatorischen. Für den Nachrüstungsbeschluß plädierte der Präsident 1983 vor dem deutschen Bundestag auch deshalb so energisch, weil er die westlichen Verbündeten beruhigen wollte: Die Kommunisten saßen zwar in seiner Regierung, an Frankreichs Bündnisfestigkeit aber sollte kein Zweifel aufkommen. Der Pazifismus stehe im Westen, die Mittelstreckenraketen aber im Osten, diese Pointe verzieh ihm die deutsche Sozialdemokratie nie. Kompensatorisch auch der Feldzug zum Golf, erlaubte er doch im Jahr der deutschen Einheit einen Schulterschluß mit den Waffenbrüdern aus Weltkriegstagen, selbst wenn die Grande Armée im Wüstensand nur als Hilfstruppe im High-Tech-Krieg agierte.