Im Halbdunkel eine schwarze, schmale Gestalt. Zierfische in leuchtenden Farben, vergrößert zu anmutigen Nilpferden, gleiten in einem Unterwasserfilm über den Zwischenvorhang auf der Bühne der Wuppertaler Opernhauses. Davor wiegt sich die Tänzerin zu fast unhörbaren Klängen einer klagenden Melodie. Ist das nicht Pina? - tuschelt es im Saal.

Es ist Pina Bausch. Und die vier, fünf Minuten ihres selbstvergessenen Tanzes sind die stille Sensation des neuen Tanzabends.

Seit dem auf sie zugeschnittenen Stück des Jahres 1978, "Café Müller", das sie nur selten in den Spielplan nimmt, ist die Choreographin nicht mehr als Tänzerin aufgetreten. Ihr Name fehlt auch in der Tänzerliste des Programmhefts (sechs Frauen, fünf Männer).

Aber da ist sie. Unverkennbar Pina Bausch. Schwarz die in den Zopf geflochtenen Haare, Pullover, Hose, Socken, Schuhe. Und dunkel, doch leuchtend das Gesicht mit den großen Augen. Wie ein von der Luft bewegter Baum dreht und wiegt sich die Frau. Tanzt nur mit Händen, Armen, dem sich neigenden Kopf, dem einknickenden, sich reckenden Rumpf. Die kreisenden Arme, über dem Kopf zusammenschlagend, sind Ausdruck der Qual, vergeblicher Befreiungs-Versuche - und gleich danach Chiffren der Freiheit, Zeichen des Einklangs mit der Natur. Haben sich die Füße wirklich minutenlang nicht von der Stelle bewegt? Das merken wir erst, wenn zur ersterbenden Musik die Gestalt langsam von der Bühne geht und eine letzte Bewegung der rechten Hand gedeutet werden kann als verebbender Tanz, aber auch als freundlich-sehnsüchtiges Abschieds-Winken - wie es an diesem Abend oft zu sehen ist.

Zwei Stunden später im Hotel erscheint auf dem Fernsehschirm plötzlich wieder das Gesicht von Pina Bausch (WDR III). Beim Gastspiel des Wuppertaler Tanztheaters in Indien wird Pina Bausch gefragt, was ihre Art zu tanzen mit der traditionellen Tanzkunst des Gastlandes verbinde. Wir hören, was wir zuvor gesehen haben: "Ich liebe die Bewegung der Hände, der Arme, des Nackens."

Am Abend der Uraufführung hat das sehr kurze Tanzstück (hundert Minuten, ohne Pause) wie fast stets bei dieser Choreographin, die ihre Spiele weiter probt und entwickelt, noch keinen Namen. "Gespannt erwarten wir den Titel" - verkündet das Faltblatt der Wuppertaler Bühnen für den Monat Mai. Erinnerungen an das Paradies - könnte das ein Titel sein?

Zwei Frauen in langen weißen Kleidern (Kostüme: Marion Cito) kommen auf die Bühne, legen sich auf den Rücken - und beginnen so zu tanzen: drehen die Hüften, werfen die Beine, bewegen die Füße, strecken die Arme. Herein kriecht auf allen Vieren, ein dickes, großes Kind, der Tänzer Jan Minarik, nur mit einem gewaltigen Windelhöschen bekleidet. Große Steine legt er auf die jungen Frauen, um sie ungestört beschnuppern, betrachten zu können. So beginnt das Stück. Immer wieder taucht das Windel-Monster auf, lutscht am Daumen, fällt in Schlaf, hält die Erinnerung an die Kindheit (der Menschheit) wach.