Dies ist die Geschichte eines traurigen Siegeszuges. Seit gut zwei Jahren gibt es Ökokühlschränke, deren weltweite Verbreitung kaum noch zu stoppen ist - eine kleine Revolution zum Nutzen der Umwelt, denn zuvor rissen die Ausdünstungen der unscheinbaren weißen Kisten Löcher in die lebensschützende Ozonschicht und heizten das Klima auf. Das Betrübliche allerdings an der Erfolgsstory ist: Der Pionier der neuen Technik steckt tief in Existenznöten - und das macht die Geschichte des Ökokühlschranks zu einem Lehr- und Schurkenstück in Sachen Innovationsfreudigkeit der Managerkaste.

Die Hauptrolle in dem Drama spielt Eberhard Günther, ein bulliger Sachse, der sich gerne seinen sportlichen Ehrgeiz zugute hält. Günther, gerade fünfzig Jahre alt geworden, ist Geschäftsführer der Hausgerätefabrik Foron im erzgebirgischen Niederschmiedeberg, ein paar Steinwürfe von der tschechischen Grenze entfernt, wo es sonst keine Industrie gibt. Der Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens attestiert seinem Chef mit freundschaftlichem Ton eine "gewisse Sturheit". Und wahrscheinlich war es genau diese Dickschädeligkeit, die Günther zu ganz besonderen Leistungen befähigte: Er hat sich nämlich um die Menschheit verdient gemacht, weil ihm das Kunststück gelungen ist, fast binnen Wochen eine Branche, die den Verbrauchern den ökologischen Fortschritt vorenthalten wollte, aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Was die großen Ideale der Wettbewerbswirtschaft und ihrer Unternehmenslenker angeht, hat sich seitdem in seinem Kopf Ernüchterung breitgemacht: "Die kochen auch nur mit Wasser", sagt er, "und manchmal dauert es lange, bis es warm wird."

Günther und seinen Mitstreitern ist mittlerweile reichlich Anerkennung zuteil geworden: haufenweise Preise - verliehen von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, vom Freistaat Sachsen, von Marketingfachleuten und von Unternehmensberatern. Seine Verdienste sind über jeden Zweifel erhaben - und wenn es Günther nicht gegeben hätte, dann könnte heute ein Branchenriese wie Siemens in seinen Katalogen nicht bestimmte Kühlschränke als "wegweisend für eine noch umweltschonendere Geräte-Generation" anpreisen. In den Kisten steckt nämlich Günthers Idee, die von der Konkurrenz noch vor drei Jahren als "Scheinlösung" madig gemacht wurde.

Gleichwohl: Trotz aller Meriten geht es Günthers Unternehmen schlecht, und mancher Branchenkenner meint, die Firma sei dem Untergang geweiht. Dafür gäbe es viele Gründe: den Preiskampf der Großen aus dem Westen, unter dem der Neuling aus Ostdeutschland leidet; aber auch die Tatsache, daß in Niederschmiedeberg einfach zu wenig Kühlschränke produziert werden. 230 000 "Vitacooler" laufen derzeit aufs Jahr gerechnet vom Band, das noch arg an die Produktionsmethoden zu DDR-Zeiten erinnert. 300 000 müßten es schon sein, damit wenigstens die Kosten gedeckt werden - obwohl viele Beschäftigte nicht mehr als elf bis zwölf Mark pro Stund e verdienen, und zwar brutto. Selbst eine Stückzahl von 300 000 läge freilich noch weit unter Branchendurchschnitt; aber die Niederschmiedeberger hoffen, sich mit pfiffigen Ideen eine Marktnische erobern zu können. Dafür müssen sie vor allem ihr Sortiment aufstocken, das bisher nur rund zwanzig Prozent der am Markt vorhandenen Kühlschranktypen abdeckt. Bald wollen sie mit neuartigen Einbaukühlschränken aufwarten und auch mit runden Frostern (Projektname: Coolman), die nach den Wünschen der Kunden farbig lackiert werden. Ökologie und Design miteinander verbinden heißt die Devise.

Doch um das Ziel zu erreichen, braucht der Betrieb erst einmal viel Geld, und das fehlt dem Geschäftsführer Günther. Es fand sich nämlich trotz aller Innovationserfolge bisher kein Investor, der ein Interesse an der Firma hat. Zwar gelang nach vielen Komplikationen die Privatisierung des einstigen DDR-Unternehmens. Es gehört jetzt dem Londoner Anlagefonds East German Investment Trust sowie einer Tochter der Berliner Bank. Doch beide Anteilseigner sehen in ihrem Engagement wohl eher eine Anlage auf Zeit denn eine unternehmerische Herausforderung; jedenfalls haben sie keine Mark investiert, um das Unternehmen für den Markt fit zu machen. Und die fünf Manager allein - darunter auch Günther -, die ein wenig Geld in die Firma gesteckt haben, sind viel zu kapitalschwach, um Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe finanzieren zu können.

Also hofften in Sachsen alle auf Samsung. Der koreanische Mischkonzern, einer der weltweit führenden Hersteller von Haushaltsgeräten, schien Gefallen am Foron-Werk gefunden zu haben. Hochkarätige Delegationen reisten aus dem Fernen Osten nach Niederschmiedeberg, verhandelten zum Schluß schon mit der Landesregierung in Dresden über den Ausbau von Zufahrtsstraßen, hielten Ausschau nach Domizilen für ihre Statthalter und nach guten Schulen für deren Kinder. Am 18. November 1994 kam es zu einem memorandum of understanding, bald darauf schienen die Verträge unterschriftsreif - doch plötzlich war alles vorbei: "Eine Investition wäre möglicherweise nicht vorteilhaft für die Unternehmensziele von Samsung", so die offizielle Begründung des Ausstiegs nach fünfmonatigen Verhandlungen.

Für die sächsische Landesregierung wurde Foron auf diese Weise wieder zu einem "wackligen Hoffnungsträger", so Rüdiger Thiele, Staatssekretär im Dresdener Wirtschaftsministerium; und Günther war sauer. Als erstes sah er sich nämlich gezwungen, die Kompressorenfertigung nach Polen zu verlagern, wodurch im Erzgebirge fast 200 Arbeitsplätze wegfallen. Damit nicht genug: Der Rückzug der Koreaner kostete Foron einen Umsatz von schätzungsweise dreißig Millionen Mark, weil auch die Kreditgeber kalte Füße bekamen und sich dadurch die überfälligen Investitionen verzögern. Die Folge: Aus dem Katalog eines Versandhauses flogen die neuen Foron-Cooler schon wieder heraus, mangels Lieferfähigkeit.