Der Autor beschreibt den Musikfreund Nater, als wäre er der Entdecker der "Entschleunigungstheorie". Nur am Rande wird Talsmas Buch erwähnt, das bereits vor über fünfzehn Jahren erschien. Koch verschleiert die Tatsachen, wenn er behauptet, Grete Wehmeyers auf Talsma aufbauende Forderung nach einer Halbierung der Tempi bei schnellen Sätzen habe die Fachwelt "nicht gewinnen" können, vielmehr haben zahlreiche kompetente Musiker und Musikforscher, unter ihnen Konrad Hünteler, Wehmeyers Ideen eindeutig widerlegt und in den Bereich der Spekulation verwiesen. Naters Bemühen ist von daher durchaus sympathisch, mit einem abermaligen Aufwärmen der immer gleichen Quellen wird man dem Fach allerdings keinen Dienst erweisen.

Uwe Sandvoß, Hanau

Wie der Artikel ganz richtig zeigt, ist Walter Nater nicht der erste, der die Halbierung barocker, klassischer und frühromantischer Tempoangaben propagiert (der erste war übrigens Erich Schwandt 1974). Abgesehen davon, daß sich die These vom doppelten Pulsschlag und der Doppelschwingung von Pendel oder Metronom bei näherer Quellenbetrachtung nicht halten läßt, scheitern Nater und seine Vorgänger spätestens dort, wo Aufführungsdauern überliefert sind. Nach Quantz sollen die drei Sätze eines Konzerts 5, 5 bis 6 und 3 bis 4 Minuten dauern. Das stimmt aber nur dann, wenn man seine Tempoangaben, die er auf einen Puls von achtzig Schlägen in der Minute bezieht, "schnell", das heißt nicht halbiert liest. Händels "Judas Maccabaeus" soll nach Angabe des Komponisten 105 Minuten dauern. Die schnellste der fünf existierenden Aufnahmen dieses Werkes (McGegan) braucht (abzüglich der Musiknummern, die zu späteren Fassungen gehören) 125 Minuten. Eine französische Quelle des 18. Jahrhunderts gibt in einer Tabelle nebeneinander die Dauern der Taktzeiten (zum Einstellen der Pendellänge) und die Dauern der ganzen Takte an. In all diesen Fällen müssen Nater und Kollegen davon ausgehen, daß sich die Komponisten "geirrt" hätten oder gar, um das Beispiel Händels zu nehmen, zwar 105 Minuten geschrieben, aber 210 Minuten gemeint hätten - weil sie nur eine Hälfte des angeblichen "Doppelschlages" zählen würden.

Dr. Klaus Miehling, Freiburg im Breisgau

Ich selbst neige grundsätzlich eher Naters Ansichten zu. Die Tempi der klassischen Musik werden immer flotter, immer rasender. Und es scheint ein Muß für jeden Dirigenten, jedem alten Werk seinen persönlichen Interpretationsstempel aufzusetzen. Neulich hörte ich die verjazzte Ausgabe der Matthäuspassion. Gut, gut, es gefiel mir auch ganz gut. Aber der Schlußchoral "Wir setzen uns mit Tränen nieder" kam wabernd wie aus einem Kurzwellensender aus grauer Vorzeit. So was kann irritieren.

Doritt Cadura-Saf, Berlin