Wenn es stimmt, daß Deutschlands größte Boulevardzeitung mit Volkes Stimme spricht, dann müßten sich viele Firmen derzeit schlagartig leeren. "Chef, ich will sofort Urlaub!" titelte Bild. Und: "Urlaub billiger als zu Hause". Eine Woche Gran Canaria mit Halbpension kostet in diesen Wochen weniger als 400 Mark, sieben Tage Mallorca gibt es schon für 250 Mark.

Solche Super-Reiseschnäppchen, bei denen der Verbraucher jubelt und der Veranstalter draufzahlt, sind an sich nichts Neues. Auch in der Reisebranche gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Die Last-minute-Trips, bei denen der flexible Urlauber bis zur Hälfte des Preises sparen kann, sind Ladenhüter, die kurz vor dem Abflug zu Tiefpreisen verramscht werden.

Denn auch Urlaubstrips haben ein Verfallsdatum: den Abreisetag. Mit kurzfristigen Sonderverkäufen, beispielsweise an Flughäfen oder über Spezialagenturen, optimieren die Veranstalter ihre Bilanzen. Ein billig verkauftes Hotelbett bringt immer noch mehr ein als ein leeres. Ihr Hauptgeschäft machen sie bisher traditionell in den großen Ferien mit Familien mit Kindern.

Aber noch nie hat der Schlußverkauf so früh und so heftig eingesetzt wie dieses Jahr. Erstmals zeichneten Branchengrößen wie der Marktführer TUI und die Fluggesellschaft LTU ganz offiziell einen Großteil ihres Angebots für den Monat Mai herunter. Was beide Unternehmen als normale Ertragssteuerung bewerten, könnte ein Signal sein für einen Super-Schnäppchen-Sommer und einen verschärften Verdrängungswettbewerb in der Reisebranche. Dabei würden die Verbraucher von Billigpreisen profitieren, kleine und mittlere Veranstalter aber in Turbulenzen geraten.

Erstmals nach vier Jahren Reiseboom herrscht in den Agenturen Buchungsflaute. Solidaritätszuschlag, Pflegeversicherung und gestiegene Kommunalgebühren haben tiefe Löcher in viele Urlaubskassen gerissen. Vor allem aber: Zahlreiche Veranstalter deckten sich überreichlich mit Hotelbetten und Flügen ein, auf denen sie nun sitzenzubleiben drohen.

Erstmals darf jedes Reisebüro Produkte der Branchenriesen TUI und NUR verkaufen. Bisher mußten sie sich für einen von beiden entscheiden. Von dem neuen Recht machen die Expedienten fleißig Gebrauch.

Dadurch bleiben immer öfter kleine und mittelständische Reiseveranstalter außen vor, deren Angebot dem der großen zu sehr ähnelt. Alteingesessenen Unternehmen wie beispielsweise Jahn Reisen oder Fischer Reisen bleibt kaum anderes übrig, als die zaudernde und knauserige Kundschaft mit großzügigen Rabatten zu ködern.