Argentiniens Heereschef Martin Balza beklagt "den Brudermord" unter seinen Landsleuten, ein Bischof bedauert rückblickend "die Feigheit" der Kirche. Plötzlich ist das Tabu gebrochen, plötzlich spricht das halbe Land von den düsteren Seiten eines dunklen Kapitels argentinischer Geschichte: von Folter und Mord während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983.

Warum jetzt? Weil Adolfo Francisco Scilingo das eiserne Schweigen über die Vergangenheit gebrochen hat. Der ehemalige Korvettenkapitän packt aus mit Sätzen wie diesen: "Es war etwas, was man machen mußte. Ich weiß nicht, was die Henker durchleben, wenn sie töten, die Klingen hinunterziehen oder die elektrischen Stühle vorbereiten. Niemand tat es gern, es war nichts Angenehmes. Aber es wurde gemacht, es wurde nicht darüber diskutiert. Es war etwas Höheres, das man für das Land tat. Ein höheres Werk."

So hat es Scilingo, von Gewissensbissen geplagt, in stundenlangen Gesprächen dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky erzählt, nach achtzehnjährigem Schweigen. Die Greueltaten der argentinischen Militärdiktatur, die erst mit dem verlorenen Malvinenkrieg gegen England endete, waren Teil des "schmutzigen Krieges", in dem die Generäle Tausende Oppositionelle festnehmen, verschleppen, foltern und ermorden ließen. Damals erfanden die Machthaber mit dem "Verschwindenlassen" von Personen ein neues Verbrechen, das bis heute von mancher Regierung in Lateinamerika und anderswo dankbar nachgeahmt wird. Schon nach offiziellen Daten wurden damals mindestens 8900 Menschen beiseite geschafft, inoffiziell ist von bis zu 30 000 Toten die Rede.

Trotz zahlreicher Untersuchungen, unter anderem einer von der ersten demokratischen Regierung unter dem damaligen Präsidenten Raúl Alfonsin eingesetzten "Verschwundenenkommission" (CONADEP), übernahmen die Militärs niemals die Verantwortung für die Verbrechen. Nur einige der Kommandanten wurden exemplarisch bestraft, dann aber 1990 von Präsident Carlos Menem begnadigt. Jetzt schlagen die Enthüllungen des Korvettenkapitäns Scilingo wie eine Bombe ein, zumal der Offizier sich vor seiner Flucht in die Öffentlichkeit schriftlich an führende Militärs und Menem persönlich gewandt hatte. In einem Brief an den Junta-General Jorge Videla wirft Scilingo dem ehemaligen Diktator angesichts der zahllosen Morde, die unter seiner Verantwortung begangen wurden, blanken "Zynismus" vor; er fordert ihn auf, endlich die "Liste der Toten" und die von ihm damals erlassenen Befehle bekannt zu machen. Doch eine Antwort hat Scilingo bis heute von keinem der hohen Herren erhalten. Im Gegenteil, der heutige Chef des Generalstabes, General Mario Candido Diaz, will von keinerlei Namensliste wissen: "Deshalb suchen wir sie lieber nicht weiter." Und Präsident Menem hat sich im Verlauf der Affäre mehr und mehr zum Verteidiger der Streitkräfte aufgeschwungen und Scilingo als unglaubwürdigen Kriminellen bezeichnet.

Schon Monate zuvor hatte er die in schwere Menschenrechtsverletzungen verwickelten Marinekommandanten Pernias und Rolón dem Senat zur Beförderung vorgeschlagen. Die beiden brachen wider Erwarten erstmals den unter den Militärs geschlossenen Pakt des Schweigens. Sie berichteten während einer Anhörung im November 1994 den Senatoren vom brutalen Handwerk des Regimes in der Mechanikerschule der Marine (ESMA): Dort, so erzählte Pernias, gehörte die Folter zu fast jedem Verhör; die Mißhandlungen seien so brutal gewesen, daß viele Gefolterte Zyanid (Blausäuresalz) mit sich trugen, um sich, wenn sie die Schmerzen nicht mehr aushielten, umbringen zu können. Die entsetzten Senatoren lehnten die Beförderung ab und desavouierten damit den Präsidenten.

Scilingo sprach die Wahrheit nun noch deutlicher aus. Seine Enthüllungen, die von der oppositionellen Zeitung Pagina 12 und in einem Buch des Journalisten Verbitsky veröffentlicht wurden, beschreiben detailliert jene Aktionen, die in der Sprache der ESMA schlicht als "der Flug" (el vuelo) bezeichnet wurden. Dabei wurden Regimegegner zunächst betäubt und in ein Flugzeug verfrachtet; anschließend wurden die Opfer über der offenen See in den Atlantik geworfen: "Man zog die Ohnmächtigen aus, und wenn der Kommandant den Befehl gab, öffnete man die Luke und warf sie nackt einen nach dem anderen hinaus." Hochrangige Offiziere begleiteten die Flüge zwecks moralischer Unterstützung. Und die Kirche gab ihren Segen. Ein Geistlicher sagte einmal zu Scilingo, "dies sei ein christlicher Tod, weil sie nicht litten, daß der Krieg ein Krieg sei, daß sogar in der Bibel die Ausrottung des Unkrauts vom Weizenfelde vorgesehen sei".