Museum Berlin-Karlshorst" - was das nun wieder soll! Früher, bis vor einem Jahr, als der Umbau begann, hieß es "Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945", da wußte man doch gleich, was Sache ist. Jetzt klingt's so, als wäre hier, im Kasino der ehemaligen Pionierschule 1 der Wehrmacht, das örtliche Heimatmuseum untergekommen. Absurder Einfall! (Aber verständlich, denn es bleibt ja ein häßliches Wort: Kapitulation. Und so fand die Wiedereröffnung des umgebauten Hauses am 10. Mai denn auch in aller Stille statt, ohne Kohl & Kinkel, und selbst von Bürgermeister Diepgen ward nichts gesehen.)

Alles wie neu, blank geputzt, das Dach repariert, die nach dem Wehrmachtsdeserteur Fritz Schmenkel benannte Straße (wieder) in Rheinsteinstraße umbenannt - nur drum herum das marode, etwas geisterhafte Karlshorst, zur Zeit halb unter blühendem Flieder verschüttet: kleine Villen so aus den zwanziger, dreißiger Jahren, sieben S-Bahn-Stationen südöstlich vom Alex. Seit dem Abzug der russischen Militärs im letzten Jahr stehen viele der Häuser leer, ganze Straßenzüge sind abgesperrt, zugenagelte Fenster, verfallene Wachhäuschen, auf der Fahrbahn, in kyrillischen Lettern, noch der Befehl Stop!

Zwieseler Straße / Ecke Rheinsteinstraße also: Über ein Jahr lang - nach mehrjähriger Vorbereitung - hat eine deutsch-russische Historikerkommission das seltsam mumifizierte Gedenk-Institut der Roten Armee entrümpelt und die zwanzig Ausstellungsräume rund um den Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die Wehrmachtführung die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, für etwa drei Millionen Mark (aus Bonner Kasse) neu gestaltet. Kein Kriegsmuseum mehr, sondern eine Dokumentation der sowjetisch/russischdeutschen Geschichte von 1917 bis in die neunziger Jahre hinein; allerdings, das versteht sich, nehmen die Schreckensjahre zwischen 1941 und 1945 den meisten Platz in Anspruch.

Das Konzept folgt in wesentlichen Zügen dem der ausgezeichneten Ausstellung, die unter Leitung des Berliner Historikers Reinhard Rürup 1991 anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in dem Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" neben dem Gropius-Bau zu sehen war (siehe ZEIT 27/1991). Doch während man sich damals ganz auf Photos und Texte beschränkte, zeigt man in Karlshorst auch allerlei Überbleibsel und Objekte, allerdings, zumindest im ersten Teil, sorgfältig ausgesucht und kühl ausgestellt. Wo bis vor kurzem noch Lenin vom Sockel grüßte, in eingestaubten Vitrinen zwischen runzeligen Photos Ehrenzeichen verblaßten und auf monumentalen Gemälden, vom seltsamen Aquariumsdämmer der Räume sanft verdunkelt, die Helden des Großen Vaterländischen Krieges im Öl des sowjetischen Realismus versanken wie die deutschen Panzer im Schlamm vor Moskau - indes der Aufsicht schiebende Genosse Kamerad hinter der Tür auch schon mal einen kleinen bis mittleren vaterländischen Orden diskret zum Kauf anbot -, da geht es jetzt hell und nüchtern und wissenschaftlich einwandfrei zu, und jeder Satz auf den zahlreichen zweisprachigen Schrifttafeln scheint von jedem Mitglied der Kommission einzeln abgezeichnet und a utorisiert worden zu sein. Im Mittelpunkt stehe das Leid der Menschen, stellten Kollegen der Berliner Lokalpresse nach einem ersten Rundgang bereits erleichtert fest, und außerdem die tröstliche "Botschaft", daß der Krieg für den Einzelnen, egal ob Deutscher oder Ruß', "gleich anstrengend, gleich erbärmlich, gleich ängstigend und furchtbar" gewesen sei. Wenn es nur das wäre, dann wär's freilich ein bißchen dünn; dafür haben wir ja schon das Muttermal unter den Linden.

Nein, in Karlshorst wurde historisch exakt gearbeitet, Mythen wurden ausrangiert. Wie die russischen Historiker den sowjetischen Militärkitsch und Antifa-Klimbim, so räumten auch die deutschen liebgewonnene Geschichtsmärchen aus den Fibeln des Antikommunismus endgültig zur Seite: die Präventivkriegslüge zum Beispiel oder die allzu zähe Legende von unserer tapferen Wehrmacht, im Felde unbefleckt. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion war, das belegt die Ausstellung in schrecklicher Klarheit, ein Raub- und Vernichtungskrieg von Anfang an, die Sowjetunion sollte zerschlagen, die Bevölkerung versklavt und schließlich ausgelöscht werden. Darin waren sich die Eliten des Deutschen Reichs einig, und dementsprechend wurde der Krieg vom ersten Tag an geführt. Die Ausstellung zeigt, wie reibungslos SS und Wehrmacht in ihrer Vernichtungsarbeit kooperierten - die verbrecherischen Befehle liegen komplett zur Einsicht aus, Vollzugsmeldung gleich daneben.

Sicher, es gibt Unschärfen im Detail: Daß die Wehrmacht schon lange vor dem Auftauchen des ersten sowjetischen Partisanen einen grauenhaften "Partisanenkrieg" führte, dem Tausende von Zivilisten zum Opfer fielen, wird genauso übergangen wie zum Beispiel das berüchtigte Massaker an neunzig Kindern 1941 in Bjelaja Zerkow, das Generalfeldmarschall von Reichenau anordnete. Zwar findet man sein Portrait und das seiner Komplizen wie der Generalfeldmarschälle von Rundstedt oder von Manstein im Rahmen an der Wand - Genaueres zu deren Biographien aber ist nicht zu erfahren. Auch nicht die Taten, wegen der manche von ihnen nach dem Krieg vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Und schon gar nicht, daß einige der Herren (wie der Kriegsverbrecher von Manstein) beim Aufbau der Bundeswehr wieder (beratend) zur Stelle waren. Ein wenig dubios auch, den Minsker Prozeß von 1946 mit den späteren Schauprozessen gegen deutsche Militärangehörige vor sowjetischen Tribunalen in einen Topf zu werfen. Und warum man schließlich die genaue Zahl der in sowjetischer Gefangenschaft umgekommenen deutschen Soldaten erwähnt, die Zahl der sowjetischen Gefangenen dagegen, die in deutscher Haft verhungert sind und an Seuchen starben, die erschossen, erschlagen und vergast wurden, verschweigt, bleibt rätselhaft.

Doch abgesehen von solchen leicht zu korrigierenden Lücken oder Auslassungen - blamablerweise gibt's noch keinen Katalog! - haben die Ausstellungsmacher unter der Leitung Peter Jahns bei den Photos und auch den Objekten eine gute Auswahl getroffen. Neben grausigen Dokumenten wie Amateurfilmen aus Landserbesitz, die unter anderem eine Massenerhängung russischer Juden durch die Wehrmacht belegen, auch Groteskes. Ein besonders erstaunliches Stück: das rekonstruierte Modell einer "Transkontinentalen Breitspurbahn", die nach dem Endsieg vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer fahren sollte. Von außen recht flott (vor allem der Triebwagen erinnert heftig an heutiges Lokdesign), innen alles holzgepanzert und schwerst gepolstert, eine Art Reichskanzlei auf Rädern. Zeitgenössische Planskizzen verdeutlichen die Idee in russischer Landschaft: im Hintergrund eine der riesigen, kegelförmigen Totenburgen mit Ewiger Flamme auf der Spitze, wie sie zum Ruhm der gefallenen deutschen Soldaten überall im Osten errichtet werden sollten, und davor, auf den Betrachter zurasend, der neue Expreß. Totenkult und ICE - schöner läßt sich die monströse Dialektik des deutschen Faschismus von Jünger bis Himmler nicht illustrieren!