Als Phillip Winter in seine Frankfurter Wohnung zurückkehrt, erwartet ihn ein Haufen Papier: ein Dutzend Ausgaben der Wochenpost vom Winter 1993/94, Wurfsendungen, Rechnungen, Briefe. Dazwischen eine Karte aus Portugal: "S.O.S.! Komm nach Lissabon mit deinem ganzen Kram, so schnell wie möglich! Fritz."

Und Winter kommt. Er fährt über Saarbrücken, Paris, Bordeaux, Irun, Burgos, übernachtet in Pensionen und Motels, hört überall die örtlichen Radiosender und bemerkt, "daß Europa zusammenwächst, ein Land wird. Hier bin ich zu Hause. Das hier ist meine Heimat." Kurz vor der portugiesischen Grenze kriegt sein Citroën einen Platten. Als Winter aussteigt, sieht man, daß er ein Gipsbein hat. Später gibt auch der Motor des Wagens seinen Geist auf. In einem Kleinlaster, dessen Ladefläche für sein schweres Gepäck gerade ausreicht, kommt Winter nach Lissabon. Aber Freund Fritz, der Regisseur Friedrich Munro, ist verschwunden.

Nur die Filmaufnahmen, die Munro vor seinem Untertauchen gedreht hat, liegen am Schneidetisch bereit. Sie sind schwarzweiß, grobkörnig, verflimmert; Munro hat sie mit einer alten Handkurbelkamera gedreht, dem gleichen Modell, das schon Buster Keaton vor siebzig Jahren in "The Cameraman" benutzte. Und sie sind stumm. So macht sich Phillip Winter, der Toningenieur aus Frankfurt, auf die Suche nach den Geräuschen, die zu den Bildern gehören.

Schon einmal, vor vierzehn Jahren, hat Friedrich Munro einen unfertigen Film hinterlassen. Damals flog er von Lissabon nach Hollywood, um sein stockendes Projekt "The Survivors" mit schmutzigem amerikanischen Geld wieder flottzumachen. Auf dem Parkplatz eines Motels trafen ihn die Kugeln seiner Geschäftspartner. Sterbend filmte er die Mörder mit seiner Handkamera. Das war "Der Stand der Dinge" (1981), die Bilanz von Wim Wenders' amerikanischem Traum.

Für "Lisbon Story" ist Friedrich Munro alias Patrick Bauchau wieder auferstanden - nicht als Engel (Gott sei Dank!), sondern als Narr. Diesmal hat ihn nicht das dreckige Geld Hollywoods, sondern die schäbige neueste Technik besiegt. Die alte Kurbelkamera, mit der er dem hundertjährigen Kino seine Reverenz erweisen wollte, hat er gegen einen kleinen Videoapparat eingetauscht, den er auf dem Rücken mit sich herumschleppt, um "reine", zufällige, planlose Bilder zu machen. Denn: "Ein Bild, das nicht gesehen wird, kann nichts verkaufen. Es ist ganz einfach pur, und deshalb wunderschön - mit einem Wort: unschuldig."

Aber Munro sieht, als er das sagt, kein bißchen unschuldig aus, eher wie ein alter Kämpe auf seinem letzten Trip. Sein Gott ist tot, sein Gral geplündert, sein Kino-Reich an die Werbung verkauft. So wagt er, ganz kindischer Greis, den Sprung von den ältesten Bildern zu den allerjüngsten, von der Kinematographie zur Videotie. Ein Abschied im Zorn: "Die Bilder sind keine Bilder mehr. Wir haben sie kaputtgemacht!" Das alte Wenders-Lied.

Das ist die eine Seite des Films: der Jammer, die Klage, die Melancholie. Mono-no-aware, "Trauer um den Fluß der Dinge", hat Kurosawa das einmal genannt, in seinem wunderschönen Abschiedsfilm "Träume" (1990). Aber Wim Wenders ist viel zu zerrissen und mit sich selber uneins, um ganz gelassen trauern und träumen zu können.