Der Zeuge Sven H. (27) achtet auf seinen Stil, auch vor dem Schöffengericht Bremen: ein Tweed-Jackett, dazu passende Weste und Krawatte. Im April 1993 hat der Kaufmann mit seinem Auto mitten in der Nacht auf dem Parkplatz einer Diskothek einen BMW leicht berührt. Einen Schaden habe er nicht erkennen können, sagt Sven H. Doch der Fahrer des Wagens, Aksay E. (31), der heutige Angeklagte, sei ziemlich sauer gewesen: "Guck mal, das ist 'ne Schramme, das kostet dich tausend Mark."

Als er in den BMW eingestiegen sei, um die Personalien auszutauschen, so der Zeuge, sei er von Aksay E. bedroht worden. Tausend Mark habe er nicht dabeigehabt, da habe er selbst vorgeschlagen, man solle zu ihm nach Hause fahren, dort sollte Aksay E. ein Pfand bekommen. "Ich bin kein Held, ich wollte lieber mitspielen", bekennt der Zeuge. Doch vor lauter Aufregung habe er dem Angeklagten einen falschen Weg gewiesen, da habe er "gleich was auf die Lippe" bekommen, seine ganze Jacke sei voller Blut gewesen. Erst als Aksay E. seine Freundin in der Wohnung gesehen hätte, sei er freundlich geworden. Aksay E. hätte sich als Pfand sein Schlüsselbund und den Führerschein gegriffen und sei dann verschwunden. Der Wagen von Sven H. blieb in der Nacht vor der Diskothek stehen, doch am nächsten Tag war er ausgeplündert: Das Autoradio fehlte, dazu ein Jackett, immerhin "Pierre Cardin mit Messingknöpfen", zwei Sonnenbrillen - Ray Ban. Selbst das Reserverad war weg.

Radio und Führerschein hat die Polizei später bei Aksay E. gefunden. Der allerdings meint, die ganze Anklage sei "großer Quatsch, um das mal direkt zu sagen". Aksay E. präsentiert sich vor Gericht als ein gutaussehender Mann. Sein scharf geschnittenes Profil erinnert an französische Gangsterfilme der fünfziger Jahre. Momentan befindet er sich wegen Rauschgifthandel in Haft.

Wie der Zeuge Sven H. "so lügen kann, ohne rot zu werden", das kann Aksay E. nicht verstehen. In der Nacht sei "überhaupt nichts passiert, was der Rede wert ist". Das wolle er mal "richtigstellen". Als es gerummst habe, sei er raus, und klar sei da ein Kratzer gewesen: "Ich sag', tausend Mark, Metallic ist teuer." Sven H. sei besoffen gewesen, "richtig voll, sternhagelvoll". Darum habe der Angst gehabt und keine Polizei gewollt. Nur weil der Zeuge keine Papiere dabeigehabt habe, seien sie zu ihm in die Wohnung. "Da fängt er an zu weinen wie ein kleines Kind", berichtet Herr E. Ohne Grund natürlich, denn Herr E. will den "Sack" nicht bedroht haben. Dennoch habe es "für den Idioten" eine Ohrfeige gesetzt. "Danach war er lammfromm und ruhig."

In der Wohnung habe Sven H. ihm seine Stereoanlage als Pfand aufdrängen wollen. Daß "so ein Jämmerling" sich vor einer "Dame" so aufführt, das sei ihm unangenehm gewesen, behauptet Aksay E. Darum habe er schnell den Führerschein genommen und seine Telephonnummer zurückgelassen. Als sich Sven H. wegen des Kratzers nicht gemeldet habe, sei der Führerschein einfach liegengeblieben. Auch das Autoradio habe er nicht gestohlen, erklärt Aksay E., das habe Sven H. in seinem BMW "vergessen".

Vergebliche Versuche des Rechtsanwaltes, den Zeugen H. als Trinker zu entlarven, machen die Lage von Aksay E. nicht besser. Der Advokat ist sich sicher, daß Herr H. gelogen hat, um seine eigene unrühmliche Rolle vor der Freundin zu vertuschen.

Die Folgen dieser Verteidigung muß Herr E. tragen, das Urteil geht weit über den Antrag der Staatsanwältin hinaus. Der Angeklagte wird zu sieben Monaten und zwei Wochen Haft verurteilt.