Die Teilnehmer am interdisziplinären Forschungsprojekt "Paris - Ein Fest fürs Leben" erkenne ich auf dem Bahnsteig in Karlsruhe auf den ersten Blick: sechs baumlange Männer, allesamt keine Bohnenstangen, sondern zwischen 90 und 100 Kilo schwer, im Alter zwischen 20 und 25 Jahren, breitschultrig, muskulös, sportlich durchtrainiert.

Trotz einer Ausschreibung an sämtlichen Universitäten Deutschlands sei es nicht einfach gewesen, passende Versuchspersonen zu finden, berichtet Professor Iris Rehnagel, die Leiterin des Projekts, im Zug nach Paris. "Dabei werden alle Kosten, inklusive der Getränke, von zwei Stiftungen übernommen."

Im Gegensatz zu den studentischen Probanden ist die Professorin von kleiner Statur, fast zierlich. Wird auch sie sich am Test beteiligen? Frau Rehnagel winkt ab. Das würde ihrem Prinzip der begleitenden Beobachtung widersprechen.

Vor genau dreißig Jahren, 1965, erschien auf deutsch Ernest Hemingways letztes Buch "Paris - Ein Fest fürs Leben". Sieben Monate stand es auf der amerikanischen Bestsellerliste, davon neunzehn Wochen an erster Stelle. Von 1957 bis kurz vor seinem Tod 1961 hat Hemingway mit Unterbrechungen daran gearbeitet, einem autobiographischen Rückblick auf seine Pariser Zeit in den zwanziger Jahren, in der er seinen literarischen Durchbruch erlebte und zugleich der Hemingway- Mythos mit den tragenden Säulen Stierkampf, Boxen, Alkohol und Frauen entstand.

Die Idee des Forschungsvorhabens ist so naheliegend wie einleuchtend. Warum, so fragt Rehnagel sich, sollen die Geisteswissenschaften nicht historische Feldforschung betreiben?

Thor Heyerdahl, der Begründer dieser Disziplin, bewies mit dem von ihm gebauten Balsafloß Kon-Tiki, daß die Südseeinseln von Amerika her besiedelt wurden, die Wissenschaftler des Berliner Museumsdorfes Düppel erprobten die Schlüssigkeit ihrer Rekonstruktion frühmittelalterlichen Lebens sogar im Winter, und der Historiker Marcus Junkelmann marschierte in nachgearbeiteter Legionärsrüstung von Rom nach Augsburg, um die Haltbarkeit der römischen Militärsandale (Jesuslatschen) zu demons trieren.

"Auch wir", ruft die Professorin mit Enthusiasmus, "sind einem Mythos auf der Spur! - Was ist dran an Papa Hemingway? Wir benutzen sein Buch wie Schliemann Homers "Ilias". Unser Troja sollen die Kneipen und Cafés von Paris sein. Hemingways Frauen und Freunde sind tot, geblieben sind seine Behauptungen über die eigenen Essens- und Trinkgewohnheiten. Die überprüfen wir mit unseren sechs Freiwilligen, die dem Hemingway der zwanziger Jahre ähneln."