Am Mississippi wächst auch ein Wein, heißt es in einem alten Karnevalslied. Das könne jedoch nicht der unsere sein, fährt der jecke Sänger fort.Das mag schon so sein. Doch längst wird auch am Mississippi europäischer Wein literweise und sogar mittels Strohhalm aus dem Tetrapack getrunken.Die größte Kellereigenossenschaft der Poebene schickt in guten Jahren fast eine Million Hektoliter solch leichten Weins nach Amerika.Ob ihr Rebensaft überall auf der Welt stilgerecht getrunken wird, interessiert diejenigen Winzer herzlich wenig, die bis zum Hals im vollen Weinfaß stehen.Und das sind in Europa allzu viele.Fast 200 Millionen Hektoliter Wein reifen jährlic h in den Fässern der Winzer heran - und nur Dreiviertel dieser Menge wird getrunken.Jedes Jahr konsumieren die immer mehr auf Gesundheit bedachten Europäer ein Prozent Wein weniger. Unter solchen Vorzeichen war es für Italien geradezu ein Glück, daß Herbstregen, Gewitter und Überschwemmung den Winzern vergangenes Jahr die Ernte verdarben und mit nur 55 Millionen Hektolitern Wein der geringste Ertrag seit vielen Jahren zustande kam.Schließlich ist Italien neben Frankreich der größte Weinproduzent der Welt.Außer dem schlechten Wetter half auch die schwache Lira den Winzern, denn dank der Abwertung setzten die Kellereien mit siebzehn Millionen Hektolitern fast ein Drittel me hr Wein im Ausland ab.Doch nur ein Fünftel davon besteht aus hochwertigen, flaschenweise mit Ursprungsgarantie verkauften Weinen.Allein dieses Fünftel bringt die Hälfte der Exporteinnahmen. Der große Rest der Ausfuhr sind vor allem alkoholstarke und tiefrote, aber im Geschmack wenig ausgeprägte Massenprodukte, die als Verschnittweine dünnblütigen und alkoholarmen Produkten vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland auf die Beine helfen.Für solchen Massenwein kassierten Italiens Kellereien im Export nach Frankreich vergangenes Jahr 60 Pfennig je Liter.Im Export nach Deutschland sogar nur 58 Pfennig.Flasche und Korken wären dafür schon fast teurer als der gesamte Inhalt.Das Mi schen von Wein verschiedener Herkunft, der "Verschnitt", erhöht zwar das Angebot an trinkbarem Tafelwein, nicht aber die Gesamtmenge. Aber es gibt in Europa auch eine wunderbare Weinvermehrung.Die entsteht dann, wenn Zucker zusammen mit allzu schwach geratenem Most vergoren wird.Nicht weniger als 300 000 Tonnen Rübenzucker, rechnet Italiens Weinbauverband vor, rieseln in dieser Form jährlich nördlich der Alpen in die Weinfässer.Teils, damit die so erzeugten Produkte den vorgeschriebenen Mindestgehalt an Alkohol und damit auch an Haltbarkeit erreichen, aber auch, weil Tradition und Geschmack diese Prozedur vorschreiben - selbst für große Rotweine Frankreichs ist die Zuckerung kein Delikt, sondern Mittel für mehr délicatesse.Das paßt den Italienern nicht.In ihrem Land ist vorgeschrieben, daß Most mit zu geringem Alkoholgehalt nur mit einem Zusatz von konzentriertem Most vergoren werden darf. Dieser starke Most mit besonders hohem Gehalt an Fruchtzucker wird meist aus Trauben eingedickt, die unter der feurigen Sonne des Südens reifen.Roms Politiker und Verbandssprecher fordern, daß ihre Vorschrift für ganz Europa gelten solle.Denn dies würde bedeuten, daß statt der Zuckerrübenbauern die Weinbauern etwas mehr von ihrem Überschuß wegpumpen könnten. In den nächsten Wochen droht ohnehin ein europäischer Streit um den Wein.Denn die Behörde in Brüssel weigert sich, weiterhin hohe Subventionen dafür zu bezahlen, daß überschüssige und außerdem meist minderwertige Weinmengen produziert und dann in reinen Alkohol umgewandelt werden.Dieser Alkohol ist ebenfalls zum Überschußprodukt geworden und dient nicht nur als künstlich verbilligte Grundlage für Schnaps und Likör.Er wird sogar als Kraftstoffzusatz nach Amerika verschleudert.Auch die Zahlu ng von Prämien für gerodete Weinberge hat bisher wenig genützt, sondern eher geschadet.Denn in manchen Gegenden neigen die Winzer dazu, vor allem ihre mühselig von den Vorvätern am Hang angepflanzten Weinstöcke auszureißen, die in dieser Lage geri ngen Ertrag bringen, aber für die Erhaltung der Landschaft besonders wichtig sind. Das Konzept der europäischen Behörde sieht nun vor, daß die Weinbauländer Europas ihre Produktion entsprechend den Absatzmöglichkeiten einschränken.Die italienischen Weinbauern empfinden die für dieses Land vorgesehene Produktionsminderung um durchschnittlich ein Sechstel als Zumutung.Daß außerdem auch noch die Zuckerung erlaubt bleiben soll, bringt die Südländer besonders auf."Diesmal muß Italien den deutschen Panzer zurückschlagen und verhindern, daß Bonn in Europa die eigenen Be dingungen diktiert", tönte Gianni Zonin, der Präsident des italienischen Weinbauverbandes Unione Italiana Vini.Er hat in einem Zwölfpunkteprogramm alternative Vorschläge entwickelt, wie die Überschüsse beseitigt und zugleich die europäische We inwirtschaft saniert werden könnten.Unter anderem soll nach diesen Vorstellungen die gesetzliche Voraussetzung zur Produktion alkoholärmerer Weine geschaffen werden, weil solche Getränke mehr Massenabsatz ermöglichen würden.Zur Bewahrung der ö kologischen Systeme sollen Rodungsverbote für bestimmte Anbauflächen ausgesprochen werden und dafür Subventionen für die Landschaftspflege gezahlt werden.Die Erträge je Hektar sollen grundsätzlich beschränkt werden, wie das bereits für bestimmte Qualitätslagen vorgeschrieben ist.Vor allem aber: Hohe Qualität soll Trumpf werden, denn da immer weniger Wein getrunken wird, können die Winzer ihr Einkommen nur dadurch sichern, daß sie kleinere Mengen Wein produzieren, der dafür hochwertiger ist.