Anfang April erhielt die Hamburger Scientology-Zentrale Besuch. Eine Einheit der Elitetruppe Sea Org aus Florida übernahm das Kommando am Hamburger Steindamm, Offiziere in blauen Uniformen mit dem Abzeichen "Revenimus" ("Wir kommen wieder" - gemeint ist: im nächsten Leben), an ihrer Spitze der Österreicher Kurt Weiland, Vizechef des sekteninternen Geheimdienstes Office for Special Affairs. Anscheinend nervös geworden durch schlechte Nachrichten aus Deutschland, hatte sich die Scientology-Leitung in Los Angeles entschieden, die Führung der Hamburger Organisation, einst Spitzenreiter der weltweiten Expansion, abzulösen und die Zügel selbst in die Hand zu nehmen.

Von geschönten Erfolgsberichten der Hamburger Manager war die Rede. Doch die Bilanzen waren kaum der Grund für die Umbesetzung. Der liegt nach Meinung des ehemaligen Top-Scientologen Tom Voltz aus Zürich eher darin, daß für Scientology Deutschland "eine bedrohliche Situation" entstanden sei. "Da das deutsche Management vor allem aus Hamburg gesteuert wurde, geht man dorthin, um Schuldige zu finden und aufzuräumen."

Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, sieht es ähnlich: "Die sind in heller Aufregung, Westeuropa kippt ihnen weg." Das Beben hatte sich lange angekündigt. Im März 1994 bezeichnete die deutsche Innenministerkonferenz Scientology als eine "Organisation, die unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschaftskriminalität und des Psychoterrors vereint". Bundesarbeitsminister Norbert Blüm erklärte im September 1994, er halte Scientology "für eine verbrecherische Geldwäscheorganisation, die unter dem Deckmantel einer Religion ihre verblendete Ideologie weltweit verbreiten will und dabei vor nichts zurückschreckt". Gerichte haben jetzt bescheinigt, daß Scientology rechtlich keine Kirche, sondern ein Wirtschaftskonzern sei. Das Bundesverwaltungsgericht in Berlin urteilte am 16. Februar, Scientology "nehme in Gewinnerzielungsabsicht am Wirtschaftsleben teil". Nach diesem Urteil muß die Sekte künftig alle Filialen als Gewerbe anmelden und die Profite aus Buchverkäufen und Psychokursen versteuern.

Ebenso hart traf sie der Beschluß des Bundesarbeitsgerichtes vom 22. März dieses Jahres. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte auf normale Gehaltszahlung geklagt. Solange er im Bann der Gruppe stand, hatte er in seiner Org bis zu hundert Stunden wöchentlich für ein Taschengeld geschuftet. Vor Gericht konnte der Psychokonzern nicht schlüssig beweisen, daß der Mitarbeiter nur in "religiösen Bereichen" tätig gewesen sei. Man könne, befanden die Kasseler Richter, ein Arbeitsverhältnis nicht einfach umetikettieren und damit aus der Welt schaffen. Auch für Scientology gelte das deutsche Arbeitsrecht. Das bedeutet, daß die Sekte ihren Mitarbeitern übliche Gehälter und die Sozialversicherung bezahlen muß.

Hier werde niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit verfolgt, kommentierte Rechtsanwalt Professor Ralf-Bernd Abel, mit dessen Hilfe das Verfahren in Kassel gewonnen wurde, den Urteilsspruch, aber "für Scientology - als ein Geschäftsbetrieb unter vielen - gelten dieselben Gesetze wie für alle anderen auch".

Krankenkassen, Arbeits- und Finanzämter werden, so Abel, nun prüfen müssen, ob sie in Zukunft Beiträge erheben und für die vergangenen Jahre nachfordern. Es geht um erhebliche Summen. Wo die Sekte noch als eingetragener Verein firmiert, muß sie damit rechnen, daß ihr dieser Status entzogen wird, wie in Hamburg, Stuttgart, Bremen und Karlsruhe schon geschehen.

Scientology hat Kritik auf sich gezogen wie kaum ein anderer Kult. Bei Licht betrachtet, blieb von der Ideologie der "Thetanen", die sich als "Meister über Raum und Zeit, Materie und Energie" wähnen, nur das Motto L. Ron Hubbards: "Mache Geld, mache mehr Geld, sorge dafür, daß andere Geld machen". Scientology, so schrieb das Magazin Time, sei ein "Kult der Gier".