Im Frühling, das weiß jedes Kind, schwärmen die Bienen aus, setzen sich auf die bunten Blüten, saugen Honig und bestäuben gleich noch die Pflanzen. Ein Wunder der Natur, alle Jahre wieder, unentbehrlich für die Erhaltung der Flora - und dafür will Europas Landwirtschaft sich jetzt bezahlen lassen.

Ein schlechter Witz? Keineswegs, sondern Kern eines Vorschlags für eine Honigverordnung, die Europas landwirtschaftliche Spitzenverbände Copa und Cogeca fordern. Die Bienenzucht, so ihr Argument, sei "von strategischer Bedeutung . . . infolge des Beitrags, den sie dank der Bestäubung durch die Bienen zu vielfältigen Agrarproduktionen und, in noch stärkerem Maße, zum ökologischen Gleichgewicht leistet". Logische Folgerung: Europas Agrarlobby ruft nach der "Bestäubungsprämie". Und da Bienen es im hügeligen Gelände offensichtlich schwerer haben, steht auch noch die Ausweitung der "Bergausgleichszahlungen" im Katalog der Forderungen.

Mitten im vergangenen Winter waren die Imker nach Brüssel gezogen und hatten die Agrarminister bedrängt. Im Frühling legte die Lobby nach und machte darauf aufmerksam, daß der europäische Selbstversorgungsgrad für Honig bei lediglich fünfzig Prozent liege und angesichts billiger Importware weiter abzusinken drohe. Schrecken erfaßt da den Naturfreund. Weniger Honig aus europäischen Landen, das hieße ja auch weniger Bestäubung durch europäische Bienen. Ein Ignorant, wer da nicht Einkommenshilfen für die Imker unterstützt.

Die sollten sich übrigens Rübenbauern und Zuckerindustrie zum Vorbild nehmen. Es läßt sich zwar nicht argumentieren, daß Hackfrüchte zum ökologischen Gleichgewicht beitragen, von Unterversorgung mit Zucker kann schon gar nicht die Rede sein. Aber die Zuckerlobby hat es gerade geschafft, die Verlängerung einer Marktordnung durchzusetzen, die geradezu paradoxe Ergebnisse zeitigt: Europa produziert gut ein Drittel mehr Zucker, als es verbraucht, die Preise sind aber zwei- bis dreimal so hoch wie auf dem Weltmarkt.

Paradox, aber lukrativ - in deutschen Landen geht das so: Neun Großunternehmen mit 43 Zuckerfabriken verfügen über die Zuckerquoten, also Höchstmengen für die Produktion, und verteilen sie als Rübenquoten an 68 000 Rübenanbauer weiter. Die wissen, daß ihnen die Produktion garantiert und zu vorteilhaftem Preis abgenommen wird. Den Fabriken wiederum garantiert die EU die Abnahme einer festen Menge zum attraktiven Interventionspreis, Wettbewerb kommt so gut wie nicht vor. Mit anderen Worten: Brüssel garantiert letztlich den Gewinn der Zuckerproduzenten. Und da die Rübenbauern großenteils Miteigentümer der Zuckerfabriken sind, haben sie dagegen verständlicherweise nichts einzuwenden. Europa wäre nicht Europa, wenn nicht auch die Überschüsse zum Zwecke des Exports auf den Weltmarktpreis heruntersubventioniert würden. Das wiederum scheint für die europäischen Hersteller so interessant zu sein, daß sie gelegentlich daheim die Ware knapp halten, um sie im Ausland lukrativ abzusetzen. Brüssel zahlt allemal: 1993 wurden durch die Zuckermarktordnung mehr als vier Milliarden Mark aus dem Gemeinschaftshaushalt verschlungen.

Letztlich zahlt natürlich der Verbraucher die Zeche. Ob Kandis, Cola oder Kuchen, stets würde Wettbewerb den Preis drücken. Aber das sähe Europas Landwirtschaft nicht gern. Sie hält sich lieber an die Devise: Ordnung muß sein - Marktordnung, versteht sich.