Ihr Tod war nicht umsonst. Die über 800 Ratten und 730 Mäuse, die vor Jahren in den Labors US-amerikanischer Toxikologen starben, sorgten posthum weltweit für Aufsehen. Denn sie werfen die bange Frage auf: Ist Ozon krebserregend?

Die Botschaft von der möglichen neuen Krebsgefahr platzte Anfang dieser Woche wie eine Bombe in die bundesdeutsche Ozondiskussion. Eben hatten sich die Umweltminister der Länder noch über Grenzwerte für Tempolimits und Fahrverbote gestritten, da wurde bekannt, daß Ozon in den Empfehlungen zur "Maximalen Arbeitsplatz-Konzentration" (MAK) künftig als "krebsverdächtig" eingestuft werden soll. Bei der Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die jährlich die MAK-Liste der gesundheitsgefährdenden Stoffe neu herausgibt, liefen die Telephone heiß. Denn noch sind die MAK- Werte vertraulich und sollen erst im Herbst offiziell bekanntgemacht werden. Doch der Spiegel war den Experten mit der brisanten Meldung zuvorgekommen. Mehr noch: Das Magazin hatte angeblich in Erfahrung gebracht, daß am Arbeitsplatz bald mit einem Grenzwert von 100 Mikrogramm (millionstel Gramm) Ozon pro Kubikmeter Atemluft zu rechnen sei. Schließlich, so der Spiegel, gebe es "neue Untersuchungen aus den USA", denen zufolge sich nach entsprechenden Ozondosen "bei Hunderten von weiblichen Mäusen ein eindeutiger Krebsverdacht" ergeben hätte.

Die Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die schließlich Mitte der Woche veröffentlicht wurde, bestätigte die Grundbotschaft: Das Reizgas Ozon soll in der neuen MAK-Liste unter Krebsverdacht gestellt werden. Allerdings wird der bisherige MAK-Wert für Ozon von 200 Mikrogramm, der noch aus den siebziger Jahren stammt, nicht auf 100 gesenkt, sondern schlicht "ausgesetzt". Das bedeutet, daß vorerst überhaupt kein Grenzwert für die Ozonbelastung am Arbeitsplatz angegeben wird. Ein Wert von 100 Mikrogramm sei zwar früher diskutiert worden, meint Helmut Greim, der Vorsitzende der Senatskommission. In der jetzigen Fassung sei davon jedoch keine Rede: "Ich weiß nicht, wo der Spiegel das herhat."

Auch sonst ist dem Blatt in der Hitze des Gefechts einiges durcheinandergeraten.

"Deutlich

über zehn Prozent jener Mäuse" seien an Bronchial- oder Lungenkrebs gestorben, die "über einen begrenzten Zeitraum mit nur 120 Mikrogramm Ozon je Kubikmeter Atemluft leben mußten", heißt es mit Bezug auf die neue US-Studie. Das wäre fürwahr alarmierend. Denn Konzentrationen von 120 Mikrogramm Ozon sind an Sommertagen keine Seltenheit mehr. In der Untersuchung des National Toxicology Program, die im Oktober 1994 erschienen ist, ist von diesem Wert jedoch keine Rede. Darin werden dagegen Ozonkonzentrationen von 120 ppb (parts per billion) aufgeführt, und dies entspricht immerhin 240 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Von einem "eindeutigen Krebsverdacht" steht aber auch hier nichts. Im Gegenteil: Nachdem die Mäuse solche Ozonwerte über zwei Jahre lang fünf Tage die Woche jeweils sechs Stunden am Tag eingeatmet hatten, wiesen genauso viele der Tiere gut- oder bösartige Geschwulste auf wie jene in der Kontrollgruppe, die in ozonfreier Luft gehalten wurden (beide jeweils über zehn Prozent).