Was Louis Naef für den Sommer vorbereitet, wird in der halben Schweiz Aufsehen und Beifall erregen - und manchen patriotischen Eidgenossen die Stirn runzeln lassen. Der Luzerner Theaterregisseur arbeitet gerade mit ein paar Berufsschauspielern und rund zwanzig Laiendarstellern an einer Freilichtinszenierung von Henrik Ibsens Stück "Peer Gynt". Schauplatz der Aufführung wird das Schweizerische Freilichtmuseum Ballenberg bei Brienz im Berner Oberland sein - ein Ort, der im Heimatbewußtsein vieler Schweizer eine zentrale Position einnimmt.

Das 1978 gegründete Museum dokumentiert die bäuerliche Vergangenheit des Landes: Rund achtzig Häuser aus allen Teilen der Schweiz - alle vor 1900 erbaut - wurden hier rekonstruiert und vermitteln den Besuchern ein anschauliches Bild von Baukultur und Lebensweise ihrer Vorfahren. Der Ort führt eine - in der Wirklichkeit weitgehend verschwundene - heile Welt vor. Nicht von ungefähr stellt er ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und Vereine dar. Die meisten Besucher fassen den Rundgang durch dieses Reservat für vom Aussterben bedrohte Hausarten jedenfalls nicht als Trauermarsch, sondern als Vergnügungsreise auf.

Im Unterschied zu ähnlichen Institutionen im Ausland stehen die einzelnen Gebäude im Schweizerischen Freilichtmuseum nicht dicht an dicht aneinander gedrängt. Sie liegen locker gruppiert weit über ein topographisch abwechslungsreiches und reizvolles Gelände verstreut. Der Standort Ballenberg, ein länglicher, teilweise bewaldeter Hügelzug im oberen Aaretal zwischen Meiringen und Brienzersee, spiegelt in konzentrierter Form die Vielfalt an Landschaftsformen in der Schweiz wider.

Während des Sommerhalbjahrs können sämtliche Gebäude auch von innen besichtigt werden. Wer eines der alten Häuser betritt, glaubt, die Zeit sei stehengeblieben. In der rußgeschwärzten Küche lodern an einer offenen Feuerstelle Flammen unter einem Kupferkessel.

Der Tisch ist mit einfachem Steingutgeschirr und mit Blechbesteck gedeckt. Im Schlafzimmer stehen Bettflasche und Nachttopf bereit. Sämtliche Räume sind karg möbliert, das Inventar - vom Nähkörbchen bis zur Wiege - stammt größtenteils aus dem vergangenen Jahrhundert. Im Flur hängt an einem Nagel eine uralte Melkerjacke aus grobem Stoff. Es sieht aus, als ob ihr Besitzer sie nur mal eben dort hingehängt hätte, bevor er kurz ins Dorf ging.

Restaurierung und Wiederaufbau der Gebäude erfolgten offensichtlich nicht nur mit wissenschaftlicher Genauigkeit und größtmöglicher Treue gegenüber dem historischen Original, sondern auch mit einer unkomplizierten Liebe zum Detail. Dieser Umstand darf jedoch ebensowenig wie die ästhetische Harmonie in den Gebäuden und Anlagen darüber hinwegtäuschen, daß dieses Freilichtmuseum letztlich nur ein Nebenprodukt umfassender Zerstörung ist. Die meisten der Häuser sind dem Bau von Autobahnen oder anderen "übergeordneten Interessen" zum Opfer gefallen, sagt Peter Oeschger, der bis vor kurzem Direktor des Museums war. Freimütig bekennt er, ihm wäre es lieber, wenn man das Museum gar nicht erst gebraucht hätte.

Wäre es mithin nicht sinnvoller, die Bedrohungen, denen alte Bausubstanz ausgesetzt ist, zu beseitigen, statt verzweifelt Restbestände zu sammeln, um sie vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren? Diese Frage ist längst entschieden. Das Museum bildet einen Bestandteil der Antwort: Man darf beruhigt weiterwursteln - hinten im Berner Oberland gibt's einen schönen Flecken Erde, wo wertvolle alte Gebäude bequem deponiert werden können. Das Museum dient gewissermaßen als Anstalt zur Entsorgung von Vergangenheit.