Die DDR ist tot, alles hin, der Schießbefehl, die schlechtsitzenden Einreiher, sogar der Geruch von Desinfektionsmitteln und Braunkohle stinkt jetzt sonstwo weiter, im Himmel oder in der Hölle für verstorbene Staaten.Die zurückgebliebenen Witwen und Waisen haben sich schnell getröstet.Nur bei den deutschen Geistesmenschen ist alles anders. Ein Handgemenge in der Literatenrepublik macht dieser Tage von sich reden und wird die Mainzer Jahrestagung des West-PEN am Wochenende beschäftigen: Der Ost-PEN will sich mit dem West-PEN vereinigen.Unter einer Bedingung: Beide Schriftsteller-Clubs sollen einander als "gleichberechtigte und gleichwertige Zentren" anerkennen.Die Bedingung ist eine Farce und macht manchem das Herze schwer, zumal die Ost-PEN-Brüder zwar mutige Forderungen stellen, zur Teilnahme an den Diskussionen in Mainz aber n icht die Courage haben. Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, ließe das kleine Drama nicht Rückschlüsse zu auf das große deutsche Trauerspiel: der Intellektuelle, die Macht und die Moral.In diesem Stück spielen die deutschen Schriftsteller in Ost und West eine dürftige, wenngleich tragende Rolle.Die Geschichte der deutschen Nachkriegs-Intellektuellen ist eine lange Geschichte der Konfliktvermeidung und des strategischen Lavierens.Der PEN ist darin nur eine Fußnote. Der Ost-PEN, alias PEN-Zentrum der DDR, blieb übrig, als sich der West-Verband unter Erich Kästner 1951 vom neugegründeten gesamtdeutschen PEN-Zentrum trennte.Artikel 4 der Internationalen PEN-Charta, der eine "freie Kritik gegenüber Regierungen, Verwaltungen, Einrichtungen gebieterisch verlangt", wurde vom PEN-Zentrum der DDR ständig verletzt.Buchzensur, Verhaftung Oppositioneller und Unterdrückung der Meinungsfreiheit haben der DDR-PEN und sein Präsident Heinz Kamnitzer nicht nur gedulde t, sondern häufig ausdrücklich begrüßt.Jahrelang berichtete Kamnitzer über internationale PEN-Tagungen für die Stasi und den KGB.Dennoch verschwand dieser Club nicht mit der DDR dahin, wohin er bis heute gehört: in den Orkus.Ein Trauerjahrfünft li eß der Ost-PEN verstreichen im Gedenken an das Land, mit dem ihn eine schmerzensreiche Liaison verbindet.Selten auf Erden hatte man Schriftsteller je so ernst genommen.Denn der Staat, dessen Legitimation nur aus Worten, Versprechen und Zukunftsvis ionen, nie aus profanen materiellen Wohltaten bestand, war auf die Wort-Zauberer angewiesen wie kein anderer.Und wer für die Visionen von morgen zuständig ist, gibt sich mit dem Unrecht von heute nicht ab.So war es vielen PEN-Brüdern ehedem im stillen Osten sehr bequem. Doch auch der westdeutsche Nachkriegs-Dichter und PEN-Stratege dachte gern im großen Stil.Die Wahrheit war auch diesem Geistesmenschen nicht immer zumutbar.Weltfrieden, Abrüstung, Völkerverständigung, da ging nichts drüber.Und das, was drunter war, das sah er nicht.Besonders jene, die heute wieder vor moralischem Rigorismus warnen, waren früher schon der Ansicht, daß "der Osten wirklich auf seinem System bestehen" sollte (Martin Walser in der ZEIT 1961) oder daß man, bevor man der DDR kritisch e Fragen stellt, "natürlich überlegen muß, wieweit sie sinnvoll sind" (Hans Magnus Enzensberger in der ZEIT 1961).So war es vielen PEN-Brüdern ehedem auch im lauten Westen sehr bequem. Vor so viel großen Fragen vergaßen die großen west-östlichen Geister die kleinen west-östlichen Wahrheiten und beschädigten damit ihren besonderen hippokratischen Eid, ihre ethische Arbeitsgrundlage - ihr Handwerk.Derselbe Unsinn, derselbe leere Größenwahn wiederholt sich im PEN-Scharmützel von heute.Der Ost-PEN hat sich bisher nicht glaubwürdig mit seiner Vergangenheit beschäftigt, der West-PEN findet es selbstgerecht, ihn danach zu fragen.Nur keine schmutzigen Details, wo es wieder ein mal um Höheres geht: um die deutsch-deutsche Vereinigung, die Verbrüderung, die Versöhnung. Doch eine Verbrüderung ohne Streit, eine Versöhnung ohne Erinnerung, eine Vereinigung ohne Verantwortung für die Vergangenheit ist keine.In diesem Fall gibt es ohne Krieg keinen Frieden.