"Vorsicht Satire!" hätte IBM-Betriebsrat Walter von Lampe seiner Botschaft vorausschicken sollen, die er Ende April auf die elektronische Reise durchs Unternehmen schickte.Womöglich wäre ihm viel Ärger erspart geblieben.Doch vermutlich hätte selbst dieser Hinweis den IBM-Chef in Stuttgart, Edmund Hug, nicht besänftigt.Die Mitteilung seines Betriebsrats im hausinternen elektronischen Informationssystem brachte ihn derart auf, daß er tags darauf auf demselben Wege "notwendige Schritte zur außero rdentlichen Kündigung des Mitarbeiters" ankündigte.Das arbeitsrechtlich nicht ganz einfache Verfahren, einen Betriebsrat zu feuern, wurde inzwischen eingeleitet.Offenbar will Hug mit seiner harten Gangart ein Exempel statuieren. Der IBM-Chef hatte seinen Mitarbeitern in einem Rundschreiben mitgeteilt, nicht länger dulden zu wollen, daß "immer öfter IBM-Eigentum abhanden kommt" beziehungsweise "nicht mehr auffindbar" sei.Durch die Diebstähle und das unerlaubte Ausschlachten von IBM-Ausrüstungen entstehe ein "erheblicher Schaden".Gesamtbetriebsratsmitglied von Lampe aus der Hamburger Niederlassung reizte das zu einer Reaktion.In seiner elektronischen Post an Hug, die zugleich 19 000 weiteren Kollegen zugänglich war, dis tanzierte er sich zwar von den Diebstählen, verfremdete dann aber den Text des Chefs auf seine Weise: In den vergangenen Monaten seien "immer öfter eigentumsähnliche Ansprüche der IBM-Mitarbeiter, wie Tariferhöhungen, Sonderzahlungen, Kostenerstattu ngen und Kündigungsschutz oder Teile davon abhanden gekommen" beziehungsweise "nicht mehr auffindbar".Auch durch die "Übertragung von Arbeitsmengen, die in der vertraglichen Arbeitszeit nicht erledigt" werden könnten, entstünde den Mitarbeitern "erh eblicher Schaden".Hug fand das alles "ungeheuerlich".Von Lampe wird nun vorgeworfen, das betriebliche Kommunikationssystem mißbraucht zu haben. Soweit der Vorfall, der als Provinzposse beim weltgrößten Computerbauer abgetan werden könnte, wäre der Hintergrund der Geschichte nicht ein Konflikt, der bereits seit Juli 1992 zwischen IBM und der IG Metall schwelt.Damals verpaßte Hans-Olaf Henkel, seinerzeit Deutschlandchef von IBM, dem Unternehmen eine neue Struktur.Es wurde in verschiedene Gesellschaften aufgesplittet.Der Clou dabei: Lediglich die Produktionsgesellschaft blieb im Metallarbeitgeberverband, die anderen Unternehmensteile, die das Gros der IBM-Mitarbeiter beschäftigen, fühlen sich hingegen seither nicht mehr an die mit der IG Metall abgeschlossenen Flächentarifverträge gebunden.Inzwischen wurde ein Haustarifvertrag mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) abgeschl ossen, durch den IBM angeblich rund fünfzig Millionen Mark im Jahr einspart.Doch diesen Gewinn betrachten viele Mitarbeiter als persönlichen Verlust. Fast fünfzig IG-Metall-Mitglieder klagten deswegen auf Beibehaltung der alten Konditionen.Einer von ihnen ist Walter von Lampe.Er erstritt vor dem Arbeitsgericht Hamburg ein Urteil, nach dem der mit der DAG abgeschlossene Haustarifvertrag für ihn als IG-Metaller nicht gelte.Der aufmüpfige Betriebsrat hat sich bei den IBM-Managern schon häufiger unbeliebt gemacht.Ein Beispiel: Nachdem in der Zeitschrift Capital ein Portrait von Edmund Hug erschienen war, prangerte von Lampe in einem Leserbrief di e "Härte und den Druck" an, mit dem Hug vorgehe. In einer Extraausgabe ihres Info-Dienstes Denkanstöße fordern die IG-Metaller in der IBM nun die "Rücknahme der Kündigungsdrohung.Oder sollen Friedhofsruhe und Duckmäusertum in den Konzern einkehren?"All dies ist leider keine Satire.